Am 22. Februar verkündete die Jury der Berlinale Shorts die Preisträger*innen ihrer diesjährigen Sektion. Zu den drei Mitgliedern der Jury gehörte neben der Performancekünstlerin Gabriele Stötzer und dem österreichischen Filmkritiker Stefan Grissemann der syrische Regisseur Ameer Fakher Eldin. Eldin hielt die Preisrede zur Verleihung des Goldenen Bären an Marie-Rose Osta für ihren Film Yawman ma walad/Someday a Child. In seiner Rede sagte er den wohl wichtigsten Satz des Abends, dessen Botschaft leider kaum Beachtung fand, und er sagte ihn gleich zweimal hintereinander (genützt hat es leider nicht): Wir müssen darauf bestehen, dass die Dinge komplex sind.
Die Debatten um die „Neuausrichtung“ der Berlinale und die mögliche Absetzung von Tricia Tuttle deuten darauf hin, dass dieser Satz nicht wirklich ernst genommen wurde, von keiner Seite.
Im Folgenden soll es jedoch weder um Neuausrichtungen noch um Absetzungen gehen, sondern um die Filme der Sektion Shorts.
Die Redaktion von zeitgeschichte|online ist seit 2019 zu Gast bei den Präsentationen der Kurzfilme im Rahmen der Berlinale. Und noch von jeder Shorts-Sektion waren wir berührt, fasziniert und manches Mal geradezu eingeschüchtert vom klugen Umgang mit (zeit-)historischen Themen. Das an der ungeheuren Kreativität und einer oft ungewohnten Ästhetik, mit der die zumeist jungen Autor*innen ihre Themen filmisch umsetzen.
Zwar standen zeithistorische Themen nicht explizit im Zentrum der diesjährigen Shorts-Sektion. Filme wie Flim Flam oder Cosmonauts wird man nur schwerlich als Auseinandersetzungen mit Zeitgeschichte interpretieren können, auch wenn als gesichert gelten kann, dass zukünftige Generationen von Historiker*innen das anders sehen werden. Alles wird irgendwann Geschichte.
Das Motto der diesjährigen Shorts lautete „Magie und Widerspenstigkeit“ (Magic and Defiance). Beides findet sich in hohem Maße in den vom Team um die Kuratorin der Shorts, Anna Henckel Donnersmarck, ausgewählten Kurzfilmen.
In einem Interview mit dem deutsch-französischen Sender Arte zum Auftakt der 76. Berlinale erklärte Henckel-Donnersmarck, dass sich die von ihr und ihrem Team ausgewählten Kurzfilme in Nischen bewegen. Hier sei der Fokus von entscheidender Bedeutung, weil dem Kurzfilm nicht allzu viel Zeit bleibe, um seine Geschichte zu erzählen. Vom Rand ausgesehen oder eben aus der Nische heraus, ermögliche uns der Kurzfilm neue und einzigartige Einblicke in das Leben und Fühlen der Menschen; seine Stärke sei zudem, so Henckel-Donnersmarck, die Unabhängigkeit vom Mainstream.[1]
Der Blick, den viele Filmemacher*innen der Shorts auf die Welt werfen, könnte in der Tat als „vom Rand aus“ definiert werden. Aus Sicht der Historikerin indes verweist er nicht selten direkt auf Themen der zeithistorischen Forschung. Besonders hervorzuheben sind in diesem Jahr Filme wie Plan contraplan von Radu Jude und Adrian Cioflâncă, Pavel Mozhars Mit einem freundlichen Gruß, Yolande Zaubermans Film Les juifs riches und Graft versus Host von Giorgi Gago Gagoshidze.
Es ist das Jahr 1985, als der amerikanische Fotograf Edward Serotta (*1949) nach Rumänien reist. Die Schilderung seiner Ankunft im winterlichen Bukarest klingt wie ein Spionagethriller des britischen Schriftstellers Eric Ambler. Plan contraplan beginnt mit der Aussage „Schlechte Erlebnisse auf Reisen bringen am Ende die größten Storys hervor und in Rumänien kann man eine ganze Menge schlechter Erfahrungen auf Reisen sammeln“.
Auf dem Bahnhof in Bukarest herrscht bei seiner Ankunft vollkommene Dunkelheit, obwohl tausende Menschen hin und her laufen. Die Räume seines Hotels sind noch kälter als die ohnehin frostigen Außentemperaturen. Vor seinem Zimmer glimmt in der Dunkelheit eine Zigarette auf und aus dem Dunkeln tritt ein Mann auf ihn zu, der ihm erklärt, er sei ein Angestellter des Tourismusbüros, würde sich von nun an seiner annehmen und ihm alle Sehenswürdigkeiten der Stadt zeigen. Serotta ist damals noch ein junger Mann, ein gutaussehender US-Amerikaner, der allein aufgrund seines Passes und der „richtigen“ Währung, mit der er zahlen kann, das Land angstfrei bereisen kann.
Was von heute und aus einer westlichen Perspektive betrachtet abenteuerlich und skurril klingt, war für die rumänische Bevölkerung Alltag. Ein Alltag, der vor dem Hintergrund der Autarkiepolitik Nicolae Ceaușescus die gesamte Bevölkerung in Haft nahm. Hier herrschten Lebensbedingungen, die in anderen Ostmitteleuropäischen Staaten, etwa in Polen, Ungarn oder der DDR kaum vorstellbar waren.
Serotta dokumentierte zwischen 1985 und 1987 diesen extrem harten Alltag der Bevölkerung und das jüdische Leben im Land. Dabei wurde er vom rumänischen Geheimdienst Securitate auf Schritt und Tritt „begleitet“ und fotografiert. Seine Reise wurde von der Ankunft bis zur Abreise bis ins kleinste Detail vom Geheimdienst dokumentiert.
Vierzig Jahre später verbindet der Kurzfilm Plan contraplan die beiden Bildserien, jene die Serotta selbst in Rumänien produziert hat, sowie die Überwachungsfotos der Securitate, zu Schuss-Gegenschuss-Sequenzen. Die Bilder werden von Serotta aus dem Off kommentiert. Sein Blick auf das Land unter der Herrschaft Ceaușescus war offen und nicht unfreundlich. Das Leiden des rumänischen Volkes an Hunger, an Kälte und Dunkelheit, und nicht zuletzt am Kontrollwahn der brutalen Ceaușescu-Diktatur, wird in jeder Sequenz fühlbar. Über die komischen Seiten des Überwachungsfurors konnte Serotta berichten, weil er anders als die ausgezehrte Bevölkerung das Land jederzeit hätte verlassen können. Aus Sicht der Visual History ist der Film schon allein aufgrund der vielen abgefilmten Dokumente (aus seiner Überwachungsakte der Securitate wird in rumänischer Sprache vorgelesen) und Fotos eine ungeheuer spannende Quelle. Aber auch die Person Edward Serottas ist für die Visual History außerordentlich wichtig. Er gründete im Jahr 2000 das jüdische Geschichtsinstitut Centropa mit dem Projekt „Jüdische Zeugnisse eines europäischen Jahrhunderts“, das mittlerweile eine große Zahl jüdischer Lebensgeschichten und Familienfotos aus vielen Ländern Europas gesammelt und vor dem Vergessen gerettet hat.[2]
Der aus Belarus stammende Filmemacher Pavel Mozhar war bereits 2024 mit Ungewollte Verwandtschaft in den Shorts vertreten.
Mozhar fand in den Kellern des Verwaltungsgebäudes eines großen Betriebes in Ostdeutschland über 400 Bewerbungsschreiben aus den Jahren 2004 bis 2008. Vor dem Hintergrund der (auf dem Kopf stehenden) Bilder dieses abgewickelten DDR-Betriebes lässt er aus diesen Schreiben zitieren.
Zur Erinnerung: Durch Privatisierungen, Ausgründungen und betriebsbedingte Kündigungen haben Treuhandunternehmen die Zahl ihrer Beschäftigten von 4,1 Millionen Mitte 1990 auf 1,24 Millionen am 1. April 1992 abgebaut. Es wurden also innerhalb von zwei Jahren knapp drei Millionen Arbeitskräfte entlassen.
Ganze Städte und Regionen standen vor vollkommen neuen sozialen Herausforderungen, es gab wohl kaum eine Familie, die diese Brüche in den Lebensläufen nicht radikal und schmerzhaft erlebt hat. Berufsbiographien zerfielen zu Staub, berufliche Kompetenz und Erfahrungswissen wurden entwertet. Die Erfahrung der Arbeitslosigkeit in einem Land mit permanentem Arbeitskräftemangel war völlig neu. Die Folge: Abwanderung, menschenleere Gegenden, Perspektivlosigkeit – Erscheinungen, die zwar auch in einigen Gebieten des Westens bekannt waren, die sich jedoch nie in dieser rasanten Geschwindigkeit und unter den Bedingungen einer umfassenden kulturellen und sozialen Neuordnung abspielten.
All dies spiegelt Mozhar in den Bildern einer zerfallenen Produktionsstätte. Die Hoffnungslosigkeit, die seine Schwarz-Weiß-Bilder ausstrahlen, wird durch die eingesprochenen Texte aus den Bewerbungsschreiben noch verstärkt. Mit den empirischen Daten von heute wissen wir, dass kaum eine der Bewerbungen Erfolg haben konnte. Am Ende des Films werden Gesichter und Hände von Arbeiter*innen ohne Ton abgefilmt. In den Gesichtern lässt sich vor allem Resignation, an den Händen die Last der geleisteten Arbeit ablesen.
Der georgische Regisseur Giorgi Gago Gagoshidze wiederum beginnt seinen Film Graft versus Host mit der Diagnose seiner Krebskrankheit und lässt uns von einem wortgewandten Onkologen über den Terror der Zellen in einem krebskranken Körper aufklären. Das Wuchern der Zellen, das Versagen des menschlichen Immunsystems und die Anpassungsbemühungen des Körpers angesichts eines neuen (implantierten) Immunsystems bilden den metaphorischen Hintergrund für die Bilder der zerfallenden Sowjetunion um 1990ff.
Yolande Zauberman zeigt in ihrem Film Les juifs riches Amateuraufnahmen jüdischer feierlicher Zeremonien aus den siebziger Jahren. Aus dem Off erzählt sie von ihrer Familie, die aus Lublin stammt, stellt die Überlebenden und ihre zum Teil irrwitzigen Fluchtgeschichten vor. Was bleibt, sind die Geschichten all jener, die ermordet wurden, deren Fehlen einen bis in die Gegenwart schmerzenden Hintergrund bilden.
All diese Filme erzählen Zeit-Geschichten. Für Visual Historians sind sie von geradezu berückender Intensität. Sie handeln vom gewaltvollen 20. Jahrhundert und erzählen von den Folgen der extrem raschen Deindustrialisierung in der DDR, vom Überwachungsfuror der Securitate in Rumänien, von den Überlebenden der Shoa und vom Untergang der Sowjetunion.
Anders als die politischen Debatten um die Berlinale, löst die Sektion Shorts der Berlinale die eingangs zitierte Forderung danach ein, die Komplexität der Welt, der Menschen und ihrer Geschichte ernst zu nehmen.
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Annette Schuhmann, Don‘t predict the future, shape it*. Über die Berlinale Shorts 2020 und die Freiheit, die in der kurzen Form liegen kann, in: zeitgeschichte|online, Februar 2020.
Daniel Bosch, „War Cannot Be Played“. Der Kurzfilm „How to Disappear“ und die Überschreitung digitaler Grenzen, in: zeitgeschichte|online, Juli 2020.
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Ann-Kathrin Mogge, Erinnerung im Niemandsland. Der Kurzfilm „Deine Straße“ besucht einen Gedenkort für Opfer rechten Terrors in der Bundesrepublik, in: zeitgeschichte|online, Juni 2021.
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Kateryna Chernii , Gefangen im System: Trap . Ein Film über das Jungsein in Russland in der Sektion Berlinale Shorts, in: zeitgeschichte|online, Februar 2022.
Svea Hammerle, Amintiri de pe Frontul de Est/ Erinnerungen an die Ostfront . Ein Fotoalbum als Stummfilm in den Berlinale Shorts, in: zeitgeschichte|online, Februar 2022.
Annette Schuhmann, Die Abwesenheit des Mängelwesens . „Agrilogistics“ von Gerard Ortín Castellvi im Programm der Berlinale Shorts 2022, in: zeitgeschichte|online, Februar 2022.
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Peter Bratenstein, Porträts, die den Blick verändern. Über die Berlinale Shorts 2025, in: zeitgeschichte|online, 13. Februar 2025.
[1] Anna Henckel Donnersmarck im Interview. In: Kurzschluss auf ARTE.
[2] Centropa hat seit dem Jahr 2000 mittlerweile 1.250 Lebensgeschichten und knapp 25.000 Familienfotografien gesammelt und digitalisiert.
Zitation
Annette Schuhmann, Der Blick von den Rändern richtet sich ins Zentrum. Die Sektion Shorts der 76. Berlinale 2026, in: zeitgeschichte|online, , URL: https://zeitgeschichte-online.de/themen/der-blick-von-den-raendern-richtet-sich-ins-zentrum