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Weltpremiere "Nackt unter Wölfen" 1963. Bundesarchiv, ADN Bild 183-B0411-0009-003

Am 11. April 1963 fand die Weltpremiere der DEFA Verfilmung "Nackt unter Wölfen" im Berliner Filmtheater "Colosseum" statt. Die Neuverfilmung feierte am 25. März 2015 im Berliner Delphi-Palast Premiere. Quelle: Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0 DE) Foto: Bundesarchiv, ADN - Zentralbild, Bild 183-B0411-0009-003, Fotograf Weiß.

Buchenwaldkind
Ein Kommentar zur Neuverfilmung des Romans „Nackt unter Wölfen“
von
Annette Leo
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Zum 70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald im April 2015 brachte der Mitteldeutsche Rundfunk eine Neuverfilmung des Romans von Bruno Apitz „Nackt unter Wölfen“ heraus. Die Schöpfer des Films ebenso wie die Verantwortlichen des Senders äußerten in diesem Zusammenhang die bei solchem Anlass und Thema üblichen geschichtspädagogischen Erwartungen: Der Jugend solle auch so viele Jahrzehnte danach die Wahrheit über die Grausamkeit des NS-Regimes nahe gebracht werden. Stichwort: Nie wieder!
Einen ungewöhnlicheren Gedanken formulierte der aus dem Osten stammende Drehbuchautor Stefan Kolditz, als er in einem Interview sagte, dieses Werk möge dazu beitragen, die noch immer getrennten kollektiven Gedächtnisse in Ost und West zusammenzuführen.

Das Buch von Apitz gilt bis heute als Ikone des DDR-Antifaschismus. Es handelt vom heldenhaften Kampf der kommunistischen Häftlinge im Konzentrationslager Buchenwald in den letzten Wochen vor der Befreiung. Seine Botschaft, so wie sie bis 1989 interpretiert wurde, wies in die Gegenwart der DDR und diente der Legitimation des Führungsanspruchs der SED im sozialistischen deutschen Staat. Hätte sich jedoch der Roman in dieser Propagandaformel erschöpft, wäre sein Erfolg bei einem Millionenpublikum in der DDR und in zahlreichen anderen Ländern schwerlich zu erklären. Bald nach seinem Erscheinen im Jahr 1958 wurde „Nackt unter Wölfen“ ein – damals noch nicht so genannter – Bestseller. Lehrer brachten ihren Schülern den Text nahe, lange bevor das Buch 1970 Einzug in die Lehrpläne der neunten Klassen hielt. Vermutlich erreichte der 1963 von Regisseur Frank Beyer geschaffene gleichnamige DEFA-Film eine noch größere Popularität als das Buch. 

Nach Gründen für den überwältigenden Erfolg seines Werkes befragt, antwortete Bruno Apitz seinerzeit, das liege wohl unter anderem daran, dass die Handlung einen „sentimentalen Brennpunkt“ habe. Er erzählt die Geschichte der Rettung eines kleinen jüdischen Jungen, der allerdings etwas unklar als „polnisches Kind“ bezeichnet wird, durch eine Gruppe von Häftlingen, die der illegalen Widerstandsorganisation des Lagers angehören. Der Schlüssel-Konflikt kreist um die Frage, ob kurz vor dem Ende der Nazi-Herrschaft, als sich die politischen Häftlinge auf einen Kampf auf Leben und Tod mit den SS-Schergen vorbereiten, Raum ist für individuelle Menschlichkeit, für die Rettung eines kleinen Kindes, oder ob dieses Kind die Existenz der illegalen Organisation und damit das Wohl aller gefährdet. André Höfel, Vorarbeiter in der Effektenkammer und zugleich heimlicher Ausbilder bei der Vorbereitung des bewaffneten Aufstands, missachtet die Anweisung von Herbert Bochow, des Chefs der illegalen Organisation. Er bringt es nicht übers Herz, den Jungen, der in einem Koffer versteckt aus Auschwitz kam, mit dem nächsten Transport in den sicheren Tod zu schicken. Mit diesem Entschluss löst er eine rasante Entwicklung aus, die die Leser bis zur letzten Seite in Atem hält. Der Roman weist viele Elemente einer mitreißenden Kriminalgeschichte auf. Eine ereignisreiche Episode reiht sich an die nächste. Verborgen in der Effektenkammer, in der Seuchenbaracke oder im Schweinestall, schwebt das Kind ständig in Gefahr entdeckt zu werden und wird immer erst in letzter Minute vor den Verfolgern gerettet. Wie von Bochow befürchtet, wird Höfel zusammen mit dem polnischen Mithäftling Kropinski von der SS in den Bunker verschleppt und soll unter der Folter zum Verrat der Geheimorganisation gezwungen werden. Die gesamte Konspiration droht aufgedeckt zu werden. Als die Beiden trotz der Tortur keine Namen nennen, übt Bochow vor dem illegalen Lagerkomitee beschämt Selbstkritik: Er sei hart gewesen, habe nur mit dem Verstand gehandelt, aber kein Herz bewiesen. Seit aber ein „Wall der Herzen“ sich im Lager schützend um das kleine Leben des Kindes legte, habe er dazugelernt und wisse nun, „dass Höfel und Kropinski stärker sind als der Tod“. „Herz“ und „Kopf“, Widerstand und Menschlichkeit finden so im Roman zu neuer Einheit. Beim Näherrücken der amerikanischen Truppen flieht ein Teil der SS-Bewachung. Das Kind wird aus seinem Versteck geholt. Bewaffnete Häftlinge stürmen die Wachtürme und befreien die im Zellenbau Eingesperrten. In dem gewaltigen Zug von Gefangenen, die durch das Lagertor in die Freiheit drängen, geht auch Kropinski, der mit beiden Armen den geretteten Jungen über seinem Kopf schwenkt.

Einer der Gründe für die Faszination, die das Buch auf seine Leser ausübte, war zweifellos die Übersetzung von bedrohlichen und kaum fassbaren Geschehnissen, die sich im Kosmos des Konzentrationslagers abgespielt hatten, in einen sinnhaften, erzählbaren Kontext, in dem sich am Ende alles (oder zumindest fast alles) zum Guten wendet.

Von diesem Roman und von dem DEFA-Film (in Schwarz-Weiß) sind meine ersten Vorstellungen von der NS-Zeit und vom Konzentrationslager geprägt worden. Ich muss gestehen, dass ich beim Anschauen des neuen Films zunächst Mühe hatte, diese Bilder in meinem Kopf zurückzudrängen, dass es mir nicht leicht gefallen ist, mich auf die neue Version einzulassen. Es muss hier einmal gesagt werden, dass der Film von Frank Beyer – trotz  heroischer Überhöhung und ideologischer Instrumentalisierung der Geschichte – ein großes Kunstwerk ist. In mancher Hinsicht ist dieser Film vermutlich bereits zu einem Zeit-Dokument geworden. Schauspieler, Drehbuchautor und Regisseur waren noch Zeitgenossen von Krieg und Terror. Einige der Darsteller waren selbst KZ-Häftlinge gewesen. Erwin Geschonneck, der den Lagerältesten Krämer spielt, war in Neuengamme inhaftiert, Peter Sturm, der mit ergreifender Eindringlichkeit den „Verräter“ Rose verkörpert, war ein Überlebender von Auschwitz und Buchenwald.

Dass Drehbuchautor Stefan Kolditz (Jg. 1956) und Regisseur Philipp Kadelbach (Jg. 1974) mehr als fünfzig Jahre später auf die Idee kamen, gerade diesen Stoff noch einmal aufzugreifen und ihn aus der Perspektive der Kinder- beziehungsweise Enkelgeneration neu zu erzählen, ist das Verdienst des Aufbau Verlags. Dieser publizierte im Jahr 2012 eine „erweiterte Neuausgabe“ von „Nackt unter Wölfen“, angereichert mit ausgewählten Passagen aus verschiedenen Textschichten und Zensurphasen sowie einem kundigen und einfühlsamen Nachwort. Darin setzt die Historikerin Susanne Hantke die Entstehung und Rezeption des Werkes mit den realen Geschehnissen im Konzentrationslager, dem Nachkriegsschicksal der kommunistischen Häftlinge und der Entstehung der Buchenwald-Legende in Beziehung. Sie verweist auf das Potential an Grau- und Zwischentönen, das der Apitz-Text über die bis dahin gängige Lesart hinaus enthält – und ursprünglich enthalten hatte.[1]

Bei der filmischen Neuinterpretation folgten Drehbuchautor und Regisseur in vielen Teilen dem Handlungsablauf der Romanvorlage. „Nackt unter Wölfen“ bleibt die berührende Geschichte der Rettung eines jüdischen Kindes durch kommunistische Häftlinge, die damit die Verfolgung der SS  auf sich ziehen und nicht nur ihr eigenes Leben, sondern auch die illegalen Aufstandsvorbereitungen gefährden. Manche der Dialoge scheinen direkt dem Text von Apitz entlehnt. Auch die Folterszenen im Bunker,  für meine Begriffe zu direkt, zu brutal umgesetzt, folgen fast bis ins Detail den Schilderungen im Buch. Und doch gibt es Unterschiede. Die Handlung wird in Bildern erzählt, denen das kämpferische Pathos abhanden gekommen ist. Im Lichte neuerer historischer Erkenntnisse wird eine komplexere und widersprüchlichere Welt des Konzentrationslagers gezeichnet, die auch die sozialen Kontraste etwa zwischen den – relativ – gut genährten und gekleideten Funktionshäftlingen und den abgerissenen Hungergestalten im sogenannten „Kleinen Lager“ nicht ausspart. Die illegale Organisation, in der die Protagonisten sich zusammen gefunden haben, hat die Aura einer über allem stehenden, allwissenden Instanz verloren, was der Geschichte nichts von ihrer Dramatik nimmt. Vielmehr wird damit die Bedeutung und die Zerbrechlichkeit dieses Zusammenhalts als Stütze gegen Entwürdigung und Ohnmacht angesichts einer übermächtigen SS unterstrichen.

Am Schluss des Films sehen wir anstelle der heroischen Selbstbefreiung des KZ Buchenwald – historisch korrekter – , wie bewaffnete Häftlinge nach der Flucht der SS-Truppen die Wachtürme besetzen und einige der noch im Lager verbliebenen Peiniger festnehmen. Die anschließende Szene ist von großer Eindringlichkeit und Stärke: Als der Lagerälteste über den Funk die Nachricht verkündet, dass sie nun alle frei seien, stürmen keine begeisterten Gefangenen durch das Tor. Die Kamera richtet sich auf den Appellplatz, der zunächst leer bleibt. Erst nach und nach kommen einige Gestalten zögernd aus den Baracken, schauen sich um, bleiben stehen, können noch nicht begreifen, was geschehen ist.

Einige Elemente, die für den Roman und die damalige DEFA-Verfilmung charakteristisch waren, fehlen also in der neuen Version, anderes wiederum wurde hinzugesetzt. Doch nicht alle „Zusätze“ scheinen mir glücklich gewählt oder historisch passend. Während der Roman quasi ein Kammerspiel ist, die gesamte Handlung findet innerhalb der Lagermauern statt und ist auf die letzten Wochen vor der Befreiung beschränkt, so erweitert der Fernsehfilm die Perspektive zeitlich und räumlich. Die erste Szene spielt im Jahr 1943 in der Welt außerhalb des Lagers. Zweifellos in dem Bestreben, den Weg eines der Retter des Kindes individueller und nachvollziehbarer zu zeichnen, bekommt die Romanfigur des Pippig eine Vorgeschichte als junger Ehemann, dessen Frau ein Kind erwartet. Das gerät jedoch ein wenig klischeehaft: Wir sehen Bilder von einer Sommerwiese, einer schönen, hochschwangeren Frau, einem küssenden Paar – Liebeskitsch anstelle von Polit-Kitsch. Pippigs Kind ist noch nicht geboren, als er wegen Verteilung von Flugblättern zusammen mit seinem Vater verhaftet und in das KZ Buchenwald gebracht wird. An dieser Stelle ist der historische Kontext – vorsichtig ausgedrückt – stark vereinfacht worden, um Pippig als ahnungslosen jungen Mann durch die brutalen und demütigenden Aufnahmezeremonien des Lagers gehen zu lassen. Erst danach springt der Film in das Frühjahr 1945 und zeigt, wie der Häftling mit dem Koffer, in dem das Kind versteckt ist, im Lager ankommt.

Weitere unnötige Hinzufügungen sind die eingeblendeten Dokumentaraufnahmen, die immer wieder das Vorrücken der amerikanischen Truppen in Richtung Weimar/Buchenwald zeigen. Das sind Bilder, die wir alle ohnehin im Kopf haben, die aufgerufen werden, wenn wir sehen, wie die Häftlinge sich untereinander die relevanten Ortsnamen zuflüstern oder die SS-Leute die Nachrichten im Radio hören.

Eine ausgesprochene Bereicherung für den Film ist dagegen die im Vergleich zur Romanvorlage deutlich gewichtigere und auch plastischere Darstellung der jüdischen Häftlinge. Nachdem es in der Effektenkammer zu gefährlich wurde, bringt Pippig das Kind ins „Kleine Lager“, wo die Überlebenden der Todesmärsche aus Auschwitz zusammengepfercht und weitgehend ihrem Schicksal überlassen vegetieren. Die  beinahe wortlosen Szenen erinnern an die weltbekannten Fotos, die amerikanische Journalisten dort wenige Tage nach der Befreiung aufnahmen. Sie zeigen abgestumpfte, apathische Menschen, Menschen, die im Gebet Kraft finden – einer von ihnen segnet das Kind auf hebräisch – , und andere, die verzweifelt um ihr Überleben kämpfen. Das Kind wird dort von einem anderen Kind verraten, einem fünfzehnjährigen Jungen, der sich dafür Hilfe für seinen todkranken Vater erkaufen will.

Anlässlich der Voraufführung des Films im Berliner Kino „Delphi“ am 25. März 2015 wurde ein kleiner weißhaariger Mann auf die Bühne gebeten und mit viel Beifall begrüßt. Es handelte sich um den mittlerweile 74-jährigen Stefan Jerzy Zweig, dessen Schicksal als „Buchenwaldkind“ Bruno Apitz seinerzeit zu seinem Werk inspirierte. In der DDR wurde stets die authentische Grundlage betont, auf der der Roman beruht. Die Geschichte von Stefan Jerzy Zweig jedoch, die sein Vater 1961 aufschrieb, und die seit einigen Jahren in der Gedenkstätte dokumentiert ist, verlief in vielen Teilen anders. Sie erscheint gleichzeitig unwirklicher und plausibler als in „Nackt unter Wölfen“ dargestellt, denn sie ist eng verbunden mit der sehr widerspruchsvollen Konstellation zwischen Häftlingsfunktionären und SS, die 1944 in Buchenwald herrschte und die dem Kind letztlich das Überleben ermöglichte. Der dreijährige Junge kam im August 1944 offiziell mit seinem Vater ins Lager und wurde als Häftling registriert. Er war nicht das einzige Kind im KZ Buchenwald, aber das weitaus jüngste. Einige politische Häftlingsfunktionäre nahmen ihn unter ihren Schutz. Sie konnten sogar erwirken, dass der Name des Jungen von einer Transportliste nach Auschwitz wieder gestrichen wurde.

Bruno Apitz hat in seinem Roman die Rettung des „Buchenwaldkindes“ verwandelt und umgedeutet, um sie als politische Heilsgeschichte in der DDR der fünfziger Jahre erzählbar zu machen. Die Schöpfer der Neuverfilmung haben sich entschieden, bei seiner Version zu bleiben und gleichzeitig mehr historische Realität hinein zu holen. Ein  Unterfangen, das nicht in allen Teilen geglückt ist.




[1] Interview mit Susanne Hantke, die nicht nur Herausgeberin der Neuauflage von "Nackt unter Wölfen" war, sondern das Filmteam in ihrer Funktion als Historikerin beriet.