von Anatoly Podolsky

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28. Juli 2022

Die Verfolgung von Jüd*innen in den ehemals besetzten Gebieten des östlichen Europas, so auch in der Ukraine, ist in der deutschen Öffentlichkeit nur sehr unvollständig bekannt. Dabei spielten die Massenerschießungen in der Ukraine eine große Rolle für den weiteren Verlauf des Genozids. SS und Wehrmacht haben den Massenmord zunächst hier verübt und dabei nach effizienteren Tötungsmethoden als die zeit- und ressourcenaufwendigen Erschießungen im „Holocaust durch Kugeln“ gesucht. Ebenso wenig bekannt ist die Geschichte des jüdischen Lebens und das Schweigen über Baby Jar in der Sowjetunion. Die folgenden Erinnerungen des Historikers Anatoly Podolsky lassen die Ereignisse und das Schicksal der Familie Podolsky nahe an uns heranrücken.

Anatoly Podolsky ist Leiter des Ukrainischen Zentrums für Holocaust Studien und einer der führenden Wissenschaftler*innen am Institut für politische und ethno-nationale Studien der Nationalen Akademie der Wissenschaften der Ukraine.

Iryna Sklokina (Wissenschaftlerin am Zentrum für urbane Geschichte Ostmitteleuropas in Lviv) hat mit Anatoly Podolsky über seine Familiengeschichte gesprochen, und darüber wie ihn diese Geschichte prägte. Der daraus entstandene Text wurde am 17. Februar 2017 auf der Fachplattform Histor!ans veröffentlicht. Die vollständige Fassung des Interviews ist in ukrainischer Sprache im Medienarchiv des Zentrums für urbane Geschichte Ostmitteleuropas in Lviv gespeichert.
 

Übersetzung ins Deutsche von Timur Vorkul.

 

Die Familien Podolsky und Korostyshevsky

Mein Interesse am Gedenken an den Holocaust entstand vor dem Hintergrund meiner eigenen Familiengeschichte, erst danach bildete sich ein professionelles Interesse heraus. Nachdem ich Historiker wurde, habe ich die Geschichte meiner Familie väterlicher- und mütterlicherseits erforscht und erkannt, dass diese Schicksale typisch sind für jüdisches Leben in der Ukraine.

Meine Mutter, Fanya Podolskaya, wurde im Jahr 1924 und mein Vater Yukhim Podolsky 1921 geboren. Er starb vor einem Vierteljahrhundert, meine Mutter vor zwanzig Jahren. Beide gehörten zu jener Generation von Juden in der Ukraine, die im Verlauf des Zweiten Weltkriegs die größten Opfer zu beklagen hatte.
Der ukrainische Schriftsteller Pavlo Zagrebelny schrieb einmal, dass es vor allem die in den frühen 1920er Jahren geborenen Menschen waren, die sowohl an der Front als auch in der Zeit der Besatzung durch die Deutschen umkamen.

Meine Eltern führten das traditionelle Leben jüdischer Familien. Meine Heimat waren Korostyshiv, Korosten, Radomyshl in der Region von Zhytomyr. Vor der Herrschaft der Bolschewiki und vor dem Krieg war es das Gebiet jüdischer Schtetl. Meine Eltern sind in Radomyshl aufgewachsen. Dort gab es zwei jüdische und eine ukrainische Schule. Mein Vater hat die jiddischsprachige Schule besucht und alle Fächer in Jiddisch belegt. Im Jahr 1939 wurde er, mit achtzehn, in die Rote Armee eingezogen. Er sprach vor allem Jiddisch und Ukrainisch. Die russische Sprache hat er erst in der Armee gelernt.

Meine Mutter war drei Jahre jünger und hat die ukrainische Schule abgeschlossen. Ihre Mutter, meine Großmutter, sagte: «Eher werde ich Hand an mich legen, als das du auf diese jüdische Schule gehst. Du wirst auf eine ukrainische oder besser russische Schule gehen. Denn danach hast du die Möglichkeit dich weiterzubilden, einen Beruf zu erlernen. Wer braucht das schon, dieses Schtetl? Es wird sowieso untergehen».

Es war eine Folge der sowjetischen Nationalitätenpolitik, dass sich Juden von Ihrer Religion distanzierten und ihre Kinder von ihrer eigenen Kultur fernhielten. Mein Vater war also der Einzige, der Jiddisch lesen konnte. Ich war der Jüngste in einer Familie, die die schwere Zeit des letzten Jahrhunderts durchgemacht hat. Meine Großeltern wurden Ende des 19. Jahrhunderts geboren (drei von ihnen Im Jahr 1889), meine Eltern im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts, mein älterer Bruder Mark (Motl)[1] im Jahr 1949, als das stalinistische Regime damit begann, Juden zu verfolgen und der sowjetische Nachkriegsantisemitismus in vollem Gange war. Meine Schwester Galina wurde 1953 geboren, in dem Jahr als Stalin starb. Ich selbst wurde 1968 geboren. Im gleichen Jahr rollten sowjetische Panzer in die Tschechoslowakei ein und in Polen vertrieb Gomulka mit Moskaus Zustimmung die letzten Juden aus dem Land.[2]

In ihren jungen Jahren erlebten meine Eltern den Holodomor. Die Hungersnot[3] in der Region Zhytomyr war nicht so grauenvoll wie beispielsweise in Poltava, Kharkiv oder Vinnytsia. Hunger gab es dennoch überall und er war auch in jüdischen Familien zu spüren.

Mein Großvater väterlicherseits Mark (Motl) Podolsky starb schon 1934 in Radomyshl. Ich habe ihn nie kennengelernt. Meine Großmutter Golda Podolskaya und beide Schwestern meines Vaters Donya und Polya, die ebenfalls nach Kyiv zogen, haben Kyiv 1941 nicht verlassen. Sie glaubten nicht daran, dass der Einzug der Deutschen ein Unglück werden würde. Sie wurden alle in Babyn Yar[4] ermordet.

 

Donya und Polya Podolsky, die in Babyn Yar starben.
Donya und Polya Podolsky, die in Babyn Yar starben. © Anatoly Podolsky

 

Ich habe meinen Großvater mütterlicherseits, Myron Korostyshevsky, der 1889 geboren wurde und 1979 starb, in den ersten Jahren meines Lebens noch kennen gelernt. Er gehörte der Generation orthodoxer ukrainischer Juden des Russischen Reiches an. Im Ersten Weltkrieg diente er in der russischen Armee. Den Rest seines Lebens ging er regelmäßig in die Synagoge. Seine Muttersprache war Jiddisch und er betete auf Hebräisch. Mein Großvater Myron war absolut antisowjetisch, weil ihm seine drei Schreinereien genommen worden waren. In Radomyshl war er dafür bekannt, Ukrainer, Polen und Juden zu beschäftigen.

 

Myron Korostyshevsky, 1954. © Anatoly Podolsky
Myron Korostyshevsky, 1954. © Anatoly Podolsky

 

Babyn Yar: Das Schicksal meiner Familie im Krieg

Die Familie zog 1936-37 von Radomyshl nach Kyiv, weil man ihnen alles genommen und sie ohne jegliche Existenzgrundlage zurückgelassen hatte. Es war eine sehr traditionelle Familie. Der Großvater verbot beispielsweise seinen Kindern Nichtjuden zu heiraten. Deshalb haben sowohl meine Mutter, als auch ihr Bruder schwere Gewissensbisse gehabt, als sie verliebt waren. Aber der Großvater sagte einfach: «Wir werden es nicht anerkennen, wir werden es verfluchen und das war‘s». Das sind innerhalb der Familie noch heute tabuisierte Geschichten. Myron Korostyshevsky hatte, wie andere Juden auch, vor, in Kyiv zu bleiben. Er erinnerte sich gut an die deutschen Soldaten im Ersten Weltkrieg. Er war fest entschlossen in Kyiv zu bleiben, obwohl seine Frau, meine Großmutter, eine Vorahnung hatte. Sie sagte damals: «Wir müssen weg», aber er gab nichts auf ihre Worte.

Die Massenerschießungen in Radomyshl fanden zwei Monate vor Babyn Yar statt. Als die SS-Einsatzgruppen[5] vorrückten, vernichteten sie vor allem die jüdischen Gemeinden in den besetzten ukrainischen Gebieten. Die Erschießungen in Radomyshl fanden am 6. August 1941 statt. Zuerst wurden jüdische Männer, dann auch Frauen und Kinder getötet. Diejenigen, die sich aus Radomyshl retten konnten, sind nach Kyiv geflohen. Ein Freund meines Großvaters sagte: «Myron, das sind nicht dieselben Deutschen». Und erst als er jenen zuhörte, die die Tötungen mit eigenen Augen gesehen hatten, haben sie es Ende August 1941 geschafft zu fliehen, einen Monat vor der Besetzung. Ein paar Tage später und sie hätten Kyiv nicht mehr verlassen können. Sie fuhren nach Kharkiv, von dort aus weiter nach Osten, nach Russland und danach hinter den Ural, nach Ajdyrlya.[6] Bis Anfang des Jahres 1944 lebten und arbeiteten sie dort. Meine Mutter arbeitete jeden Tag am Getreidesilo. Natürlich gab es auch im Exil Antisemitismus – «Kyiver Judensäue» bekamen sie dort nicht selten zu hören. Wäre mein Großvater nicht gewesen, hätte meine Mutter, ein 17-jähriges Mädchen, die Zeit hinter dem Ural nicht überlebt. Antisemitismus gab es nicht nur in den von Deutschen besetzten Gebieten, sondern auch auf der Flucht und an der Front.

Mein Vater, Yukhim Podolsky, wurde 1939 in die Rote Armee eingezogen. Etwa zehn Jahre lang sollte er seine Militäruniform nicht mehr ausziehen. Erst 1948 wurde er aus der Armee entlassen. Er hat den Krieg überstanden. Es gibt ein Foto von ihm in der Nähe von Stalingrad, datiert auf das Jahr 1942 – es ist ein unglaublich tragisches Foto, vor allem der Ausdruck in seinem Gesicht. Er hat nie über seine Erlebnisse an der Front gesprochen. Erst kurz vor seinem Tod gab er mir das Foto.

Yukhim Podolsky (rechts), 1942. © Anatoly Podolsky
Yukhim Podolsky (rechts), 1942. © Anatoly Podolsky

 

Als Wissenschaftler*innen in den 1990er Jahren mit Hilfe der Shoah Foundation[7] begannen Interviews mit Überlebenden der Shoa zu führen, weigerten sich viele Menschen zu sprechen. Aharon Weiss, zum Beispiel, lehnte es ab, interviewt zu werden. Seine Familie war sehr berühmt, sein Vater, Shevah Weiss war Vorsitzender der Knesset und Aharon Weiss war Wissenschaftler in der Gedenkstätte Yad Vashem, er sagte damals lediglich: «Ich werde nichts sagen». Auch Yitzhak Arad und Shmuel Krakowsky sind bekannte Historiker, die sich weigerten, Interviews zu geben. Irgendjemand sagte einmal: Wer kennt die Wahrheit? Die, die nicht aus dem Krieg zurückgekehrt sind, kennen die Wahrheit.

Die Geschichte meines Vaters war typisch für diese Generation: Er weigerte sich über seine Kriegserlebnisse zu sprechen, und niemand weiß genau, was er erlebt hat. Nach dem Krieg arbeitete er in Moskau als Milizsoldat. Erst 1948 durfte er nach Kyiv zurückkehren und erhielt seine Dokumente zurück. Was er in der Zeit von 1939 bis 1945 erlebte und gesehen hat, wissen wir also nicht. Im November 1942 verteidigte er Stalingrad und schrieb Briefe nach Hause, die jedoch nie ankamen. Seine Mutter und zwei seiner Schwestern wurden im September 1941 in Babyn Yar ermordet. Sie wurden in der ersten Erschießungswelle am 29. und 30. September getötet, bei der 33.771 Menschen getötet wurden, wie aus einem Bericht der SS-Einsatzgruppe C hervorgeht.

 

„Wir haben überlebt, wir sollten zusammen sein“: Die Nachkriegsjahrzehnte

Nachdem meine Familienangehörigen aus dem Exil zurückgekehrt sind, haben sie nach ihren ukrainischen Landsleuten gesucht. Das Kriterium der Volkszugehörigkeit war für Juden im Kyiver Umfeld damals wichtig. Denn in Kyiv versammelten sich jene, die zurückgekehrt waren. Juden und Jüdinnen waren außerdem auf der Suche nach Partner*innen. All die ersten „Verliebtheiten“ waren im Krieg umgekommen. Damals sagte man zu meiner Mutter: «Erinnerst du dich an diesen Yukhim, er ist aus dem Krieg wiedergekommen». Sie wurden einander vorgestellt, obwohl sie sich schon von klein auf kannten. Im Jahr 1948 heirateten sie. Auch das war charakteristisch: Jüd*innen fanden zueinander, sie erinnerten sich an ihre Schtetl. Viele Juden und Jüdinnen in Kyiv kamen aus Skvyra, Shpola, Radomyshl, Korostyshiv. Und sie haben sich gefunden. Der Herkunftsort war der ausschlaggebende Grund zu heiraten. Nicht die persönlichen Beziehungen oder Freundschaften, sondern die Tatsache: wir sind aus Radomyshl und wir haben überlebt, wir sollten zusammen sein.

In der Monographie von Itzik Kipnis Zum dritten Jahrestag[8], verfasst im September 1944, wird die jüdische Realität der Nachkriegszeit sehr genau beschrieben. Vor allem was Juden und Jüdinnen bei ihrer Rückkehr nach Kyiv erwartete und wie die nichtjüdischen Nachbarn und Bekannten sie empfingen: Komm mit, wir zeigen dir, wo deine Angehörigen liegen. Und so wurde es auch meinem Vater gezeigt.

Das Exil und all die Schrecken der Nachkriegszeit waren ein wesentlicher Bestandteil meiner Familiengeschichte mütterlicherseits. Väterlicherseits gibt es eine Soldatengeschichte, die ich in ihrer Gänze nur erahnen kann. Wenn man den Kontext kennt, kann man sich vorstellen, was Yukhim Podolsky in Stalingrad erlebt hat und wie er den Tod seiner nächsten Familienangehörigen, während der Besatzung in Kyiv, in Babyn Yar im Herbst 1941, empfunden haben muss. Mein Vater wurde während des Krieges ausgezeichnet. Als er in Stalingrad war, war er gerade 21 Jahre alt. Von seiner Herkunft her, war er ein kleinstädtischer Jude, sprach jiddisch und hatte die Tora studiert. In der Armee war er Unteroffizier einer ganzen Einheit und alles war ganz anders. Die zehn Jahre in der Roten Armee, davon die meiste Zeit an der Front, haben ihn verändert. Er wurde sehr sowjetisch. Er hatte seine Kameraden, hing auf der Arbeit Porträts von Stalin auf und bewahrte sie zu Hause in der Schublade seines Schreibtisches ordentlich auf und hatte ein Abonnement der Zeitschrift ПУРРКА[9]. Schließlich gab es in der Breschnew-Ära eine von den Machthabern eingeleitete Rehabilitierung Stalins. Das war sein Leben, denn er hat den Krieg erlebt! Er war immer ein Gegner jener Juden, die während der Besatzung untergetaucht waren. Er verstand sie überhaupt nicht. Und diejenigen, die evakuiert wurden, verachtete er ganz und gar. Daraus resultierte schließlich auch ein Konflikt innerhalb der Familie. «Wo seid ihr gewesen? Dort bin ich gewesen!» Diese Konflikte habe ich als Historiker nachempfinden können, als ich anfing zu forschen, und wir einen riesigen Korpus von Interviews und Memoiren erhielten.

Meine Mutter sagte: «Wir haben uns nicht geliebt, wir hatten Mitleid miteinander». Es kam nicht selten vor, dass sich jüdische Paare, die sich gegenseitig bemitleideten schließlich heirateten. Denn Babyn Yar bewirkte, dass man die Hinterbliebenen schützen und unterstützen musste. Sie ließen sich dennoch scheiden, aber erst in einem sehr hohen Alter, als sie über 60 waren. Ich war damals noch ein Kind.

 

Das Schicksal meines Vaters nach dem Krieg

Mein Vater fuhr oft nach Brest und nach Minsk. Er fuhr dorthin, weil die Einheiten, in denen er gedient hatte, sich vor allem dort trafen. Und er nahm an den Paraden in Moskau teil. Manchmal kamen Männer zu uns und erzählten Geschichten. Der 23. Februar war ein wichtiger Tag für ihn und natürlich der 9. Mai. Er bewahrte eine Sammlung von Stalin Fotos auf, nicht einfach Fotos, sondern solche besonderen Bilder wie der „junge Stalin“ oder „Stalin mit Trotzki“. Wer aus dieser Generation in den 1970er Jahren ein eigenes Auto besaß, hing Fotos von Stalin manchmal ins Auto. Das war eine schleichende Stalinisierung, die auf große Resonanz in dieser Generation stieß. Für meinen Vater war alles freiwillig, mehr noch, es war eine Ehrensache.

Mein Vater wurde Vorsitzender der Vereinigung sowjetischer Veteranen im Altersheim. Er hatte schon keine Beine mehr, und wenn er im Rollstuhl fuhr – ich kann mich gut erinnern – war das gesamte medizinische Personal, das gesamte Team des Altersheimes hin und weg. Damals habe ich es verstanden: so hat ihn der Krieg geformt. Er hatte keine Angst. Und wie im Krieg, so benahm er sich auch im Altersheim, er ließ es sich gut gehen, belehrte alle und alle gehorchten ihm. Er erhielt Rationen und gab all diese Rationen bis zum letzten Cent weg.

 

Yukhim Podolsky, 1988. © Anatoly Podolsky
Yukhim Podolsky, 1988. © Anatoly Podolsky

 

Der Mord an seiner Mutter und seinen Schwestern in Babyn Yar war ein Schmerz, den er in sich trug. Er hat die sowjetischen Eliten nie für irgendetwas kritisiert. Selbstverständlich waren die Deutschen für ihn Faschisten. «Für die Heimat, für Stalin!» war für ihn kein Klischee, es war Teil seines Lebens. Gleichzeitig las er noch immer „Sovetish heymland“.[10] Denn er beherrschte die jiddische Sprache und dieses Wissen war für ihn Bestandteil seiner jüdischen Identität. Von 1961 bis 1991 war das die einzige jiddischsprachige Publikation in der Sowjetunion. Es war eine Zeitschrift, die jeweils mit einer glorreichen Ansprache an die Kommunistische Partei und deren Führung begann. Es gab darin aber auch Erinnerungen von Menschen, die das Ghetto, die Lager überlebt haben, und die Zensurbehörden, deren Mitarbeitende die Sprache nicht verstanden, ließen die Texte durchgehen. Zu Hause wurden alle Hefte aufbewahrt. Als ich nach der Zeitschrift fragte und versuchte die Sprache zu lernen, sagte er mir, ich solle das für immer vergessen und diese Zeitschrift nicht anfassen. Sowjetische Juden, die den Holocaust, den Krieg, das Exil, dann 1949 bis 1953, die Ärzteverschwörung[11] und den stalinistischen Nachkriegsantisemitismus überlebt haben, waren zutiefst verängstigt. Und ich bin schließlich das Kind dieser verängstigten Juden.

 

„The Jews of silence“[12] oder die Angst jüdisch zu sein

Mein Onkel Zynoviy Korostyshevsky ging noch in den 1970er Jahren, gemeinsam mit Verwandten und Freunden heimlich in die Synagoge um Mazza zum Pessachfest[13] abzuholen. Damals wurden alle Besucher*innen in der Synagoge in Podil in Kyiv registriert, aber sie taten es trotzdem, wenn auch eingeschüchtert. Die jiddische Sprache wurde kaum an die Kinder weitergegeben. Mein Bruder und meine Schwester konnten Jiddisch weil sie in den 1950er Jahren aufwuchsen, als jiddische Muttersprachler*innen wie meine Großeltern noch am Leben waren, die auch weiterhin auf Jiddisch kommunizierten. Mein Großvater Myron ging in die Shekavitska Straße in die Synagoge. Mein Vater nicht, er war eben ein sowjetischer Kriegsveteran.

 

Anatoly Podolsky mit dem Vater, 1971.  © Anatoly Podolsky
Anatoly Podolsky mit dem Vater, 1971. © Anatoly Podolsky

 

Über Babyn Yar legte sich ein undurchdringliches Schweigen. Aber Babyn Yar lebte in uns und schmerzte. Im Jahre 1974 besuchten mein Vater und ich Babyn Yar. Mein Vater ging dorthin wie auf einen Friedhof. Aber damals war das polizeilich verboten. Sein blasses Gesicht schwebt mir noch immer vor Augen. Er hat nie über Babyn Yar, nie über Stalingrad gesprochen. Erst als ich an der Fakultät für Geschichte studiert habe, hat mir meine Mutter viel erzählt. Aber selbst meine Mutter wusste nicht alles. Im Zentralen Staatsarchiv der öffentlichen Vereinigungen der Ukraine fand ich in den frühen 1990er Jahren die Anweisungen des städtischen Parteikomitees, die von der Kontrolle von Babyn Yar vor dem Bau des sowjetischen Denkmals zeugten und davon, dass sich Menschen, „Personen jüdischer Nationalität“ im September, nicht im Gebiet von Babyn Yar versammeln sollten. Die Polizei, die Universitäten, alles war unter Kontrolle und Steuerung der Leitung für Ideologie des Stadtkomitees der Kommunistischen Partei der Ukraine. Ein einzelner Mensch hatte Macht über alle Exekutivstrukturen. So war das System aufgebaut: der Vorsitzende für Ideologie entschied über das Schicksal aller anderen.

Ich fand es sehr interessant „Sovetish heymland“ zu lesen und saß vor der Küchentür und lauschte, wie die Erwachsenen Jiddisch sprachen. Im Jahr 1991 begann ich in den ersten Kursen, die mittlerweile in der nun souveränen Ukraine angeboten wurden, Jiddisch zu lernen. Meine Mutter verstand nicht, was da vor sich ging! Ihr drittes Kind, das aus einer vollkommen anderen Zeit, einem anderen Kontext stammt, dieses Kind bringt den Stolz in die Familie zurück. Damals las ich und sie übersetzte. Es war eine enorme emotionale Belastung für sie.

 

Jüdisch sein in der UdSSR: latenter sowjetischer Antisemitismus

Bevor ich Historiker wurde, habe ich eine Zeit lang in einer Schuhfabrik gearbeitet. Als ich mich 1986 am Institut eingeschrieben habe, sagten meine Tanten und die Cousinen meiner Mutter: «Fanya, wo hast du das Bestechungsgeld aufgetrieben?!». Wie konnte ein Jude im Jahr 1986 in den Fachbereich Geschichte aufgenommen werden? Das Staatliche Pädagogische Institut in Kyiv benannt nach Maxim Gorki war eine vollkommen der sowjetischen Kontrolle unterstehende Hochschule. Erst später stellte sich heraus, dass es sich um einen Fehler der Dekanatssekretärin gehandelt hatte. Damals gab es eine Quote für Juden. Im Jahr 1986 gab es im Kyiver Pädagogischen Institut ungeschriebene Gesetze. Gesetze, die schon vor hundert Jahren galten. Schon Ende des 19. Jahrhunderts existierte ein offiziell festgelegter Prozentsatz für Juden im Russischen Reich! Damals jedoch war er öffentlich, hundert Jahre später war er verdeckt.

Als Student diente ich zwei Jahre lang in der sowjetischen Armee und kehrte 1989 zurück. Gott sei Dank nicht nach zehn Jahren wie mein Vater. Dann begann ich die Hausarbeit „Antisemitismus im Russischen Reich und die Pogrome von 1905“ zu schreiben. Das Thema meiner Diplomarbeit im Jahr 1992 war „Die Katastrophe der Juden in Polen“. Sowohl meine Mutter als auch ihr Bruder Zynoviy, der mich im jüdischen Glauben erzogen hat, hatten Angst. Diese Angst der 1950er bis 1970er Jahre setzte sich bis in die frühen 1990er Jahre fort. Sie sagten: Was tust du? Nimm irgendein anderes Thema! Die Wahl des Themas indes ist meine persönliche Erinnerung an meine Verwandten, das ist mein Beitrag zur Erinnerungskultur. Aus dieser Perspektive ist mir dieses Forschungsthema ganz persönlich wichtig.

 

Wiederkehr der jüdischen Identität in der unabhängigen Ukraine: historische Forschung als Hommage an meine Familiengeschichte

Im Jahre 1996, ich arbeitete an der Nationalen Akademie der Wissenschaften der Ukraine in der Abteilung für jüdische Geschichte und Kultur, habe ich meine Dissertation „Der nationalsozialistische Völkermord an den Juden der Ukraine 1941-1944“ verteidigt. Das war die erste Dissertation zu diesem Forschungsthema, die in der Ukraine verfasst wurde. Damals lernte ich Zeitzeug*innen des Holocaust kennen. In Kyiv waren noch einige jüdische Familien geblieben. Da war etwa die Familie von Grigoriy (Hershl) Polanker, eines sehr berühmten Schriftstellers. Ich traf seinen Sohn, der damals etwa 60 Jahre alt war. Grigoriy Polanker selbst hatte ein langes Leben und wurde fast 87 Jahre alt. Er war der offiziell „erlaubte jüdische Schriftsteller“, der „sowjetisch jüdische Schriftsteller“ Grigoriy Polanker. Auch er hat seinen Sohn von der jiddischen Sprache ferngehalten. Sein Sohn war Flugzeugingenieur, mithin Teil der sowjetischen Intelligenzija. Sie lebten im sogenannten Schriftstellerhaus in der Leninstraße 68. Andriy Malyshko, Oles Honchar, Nathan Rybak, alle berühmten Schriftsteller haben dort gelebt. Am Haus ist kein freies Fleckchen mehr, es gibt lauter Gedenktafeln und Inschriften. Man kann sehen, wie viele jüdische Nachnamen es dort gibt: Leonid Pervomaysky, Naum Thykhyi, Nathan Rybak. Sie alle wurden als ukrainische Schriftsteller jüdischer Herkunft in der Literarischen Enzyklopädie verewigt. Sholem Aleichem sagte: «Ich bin ein jüdischer Schriftsteller aus der Ukraine». Leonid Pervomaysky oder Naum Thykhyi oder Avraham Katzsnelson, sie schrieben und dachten auf Ukrainisch. Sie werden in der Literarischen Enzyklopädie als ukrainische Schriftsteller geführt. Als ich dann zur Familie Polanker kam, konnte ich die die Atmosphäre eines Schriftstellerhauses spüren. Meine Familie hingegen war die der armen jüdischen Schtetler. Familie Polanker dagegen, eine intellektuelle jüdische Familie. Es existierten verschiedene soziale Schichten des jüdischen Milieus, was sich durch Bildung und Eigentum bemerkbar machte. Hier sah ich eine Familie, die eine riesige Bibliothek hatte. Im Vergleich dazu war die Bibliothek in meinem Haus einfach nur mickrig. Der sowjetische Flugzeugkonstrukteur Alexander Grigoryevych Polanker, Sohn von Grigory, Hershl, Polanker sagte: «Es bedeutet mir nichts, nimm es». Großartige Literatur in jiddischer Sprache. Er wuchs in dieser Atmosphäre auf und wurde dennoch so erzogen, dass er sich für all das nicht interessierte. Mir dagegen wurde schon verboten nur in die Nähe von „Sovetish heymland“ zu kommen. Der sowjetische, jüdische Schriftsteller hat seinen Sohn davon vollkommen ferngehalten und somit die Weitergabe kultureller Traditionen verhindert.

Polanker saß, wie wir aus den Dokumenten erkennen konnten, von 1949 bis 1950 im Gefängnis. Auch Itzik Kipnis und andere wurden nach dem Mord an Solomon Michoels[14] und der Schließung des Kabinetts für jüdische Geschichte und Kultur[15] von Ilya Spivak an der Akademie der Wissenschaften der Ukrainischen SSR in Kyiv inhaftiert. Sie alle wurden in diesem Fall als verdächtig geführt. Im August 1952, wurden schließlich Peretz Markish und viele andere jüdische Schriftsteller und Dichter erschossen. Das war die zweite Kohorte dieser Schriftsteller. Polanker, M. Talayevsky, I. Kipnis waren inhaftiert. Aber Polanker wurde freigelassen. Später wurden seine Bücher gedruckt und ihm wurden Preise verliehen. Diesen Menschen kamen die Schrecken des Zweiten Weltkrieges im Vergleich zu den Jahren 1949-1953 noch rosig vor. Deshalb haben eingeschüchterte jüdische Familien aufgehört in die Synagoge zu gehen, Jiddisch zu sprechen und zu lesen.

 

Die Erinnerungen meiner Mutter, mein graues Heft

Fanya Podolska (Korostyshevska), 1983.  © Anatoly Podolsky
Fanya Podolska (Korostyshevska), 1983. © Anatoly Podolsky

 

In meiner Familie sind fast alle nach Namen der Verstorbenen benannt. Auf diese Weise behalten wir die Erinnerung an sie aufrecht.
Und meine Mutter erklärte: «Sie sind hier in Babyn Yar. Damals wurden sie getötet. Wir wurden evakuiert und dadurch gerettet. Ich bin noch nie dorthin gegangen». Sie war nie in Babyn Yar. Und mein Vater ging vielleicht alle zehn Jahre einmal hin. So bin ich mit meinem Vater in 1974 in Babyn Yar gewesen.

Meine Eltern ließen sich scheiden, als ich zehn Jahre alt war. Und gerade zu dieser Zeit habe ich verschiedene Geschichten in einem grauen Heft festgehalten.

 

Anatoly Podolsky in der ersten Klasse der Schule 210 in Kyiv, 1975. © Anatoly Podolsky
Anatoly Podolsky in der ersten Klasse der Schule 210 in Kyiv, 1975. © Anatoly Podolsky

 

Ich war ein sowjetischer Junge und die Politik der Partei in der Sowjetunion hat mich beeinflusst. Ich war wie ein Produkt dieser Erinnerungspolitik, oder ein Konsument dieser Erinnerungspolitik. Ich fragte meine Mutter: «Was hast du am 12. April 1961 gemacht?». Das heißt, sowjetische Schulkinder hatten eine ganze Reihe von Daten und Ereignissen im Kopf, weil diese täglich im Radio, im Zentralfernsehen, auf dem UT-1[16] besprochen wurden. Wir waren ständig politischen Informationskampagnen und Agitationsbrigaden ausgesetzt. Man bewegte sich darin, und all diese Daten und Ereignisse und diese Liste von Nachnamen sind in deinem Kopf. Andererseits wurde offiziell nie über den Holodomor oder über den Holocaust gesprochen. In der Familie hingegen hörte ich von meiner Mutter irgendwann, Ende der 1970er Jahre, eine Erzählung über Babyn Yar. In den Medien kam nie etwas davon. Wir wussten nur von den Panfilovs 28[17], von Zoya Kosmodemyanskaya[18]. Ich kannte also die offizielle Chronologie des zwanzigsten Jahrhunderts anhand der wichtigsten Daten des Systems, vor diesem Hintergrund stellte ich meiner Mutter Fragen und so habe ich dieses graue Notizbuch aufgebaut. «12. April 1961 – der erste Mensch im Weltraum». Ich: «Was war zu Hause? Was hast du an diesem Tag gemacht?» – «An dem Tag habe ich deinem Papa ein Päckchen ins Gefängnis gebracht».

Dann stellte sich heraus, dass mein Vater zwei Jahre im Gefängnis verbracht hat. Er wurde wegen „Tätlichkeiten in einem Gemüseladen“ verurteilt. Bis 1965 waren all die „Veteranen“ keine Veteranen. Sie alle waren noch jung, meist unter vierzig. Der Kriegskult und all die Heroisierungen begannen erst in der Breshnev-Ära. Schließlich wurde er nach zweijähriger Ermittlungszeit für nicht schuldig befunden. In diesen zwei Jahren saß er in Lukyanivka. Meine Familie mit zwei kleinen Kindern befand sich damals in einer sehr schwierigen Situation. Im Jahr 1961 wäre meine Mutter fast in den Oberleitungsbus gestiegen, der in Kurenivka von dieser schrecklichen Lawine aus Babyn Yar weggespült wurde.[19] Dann würde ich heute nicht mit Ihnen sprechen. Es waren äußerst schwierige Zeiten.

 

Babyn Yar in den Erinnerungen der Podolskys und der Korostyshevskys

Babyn Yar war für meine Familie ein schrecklicher Ort, dort wurden viele Familienmitglieder ermordet. Man wollte nicht darüber sprechen, aber ich bestand darauf. Meine Mutter sagte: «Wir haben im Exil und dein Vater an der Front überlebt, aber sie nicht, sie liegen hier und Ende der Geschichte. Es ist ein Ort, an den man nicht gehen sollte». Schon in den späten 1980er Jahren begann ich dann selbst nach Babyn Yar zu gehen. Im Jahr 1991 fand das erste offiziell erlaubte Gedenken zum 50. Jahrestag der Erschießungen statt, was mich sehr bewegt hat. Dort traf ich viele Menschen und habe begriffen, wie typisch die Geschichte meiner Familie eigentlich war. Zwar waren die privaten Verhältnisse oft unterschiedlich, aber das Schicksal war das gleiche. Im Jahr 1991 gab es noch viele Jüdinnen und Juden in Kyiv. Sie weinten, sie konnten es kaum glauben, und sie kamen. Nun konnte ich sehen, wie viele von ihnen es gibt, wie sie zum ersten Mal, sozusagen, aus dem Untergrund über ihre Angehörigen gesprochen haben, Nachnamen nannten, mit Fotos da standen – so etwas hat es nie zuvor gegeben.

Anders als es der offizielle sowjetischen Geschichtskanon vorgab, lehrte mich mein Onkel Zynoviy Korostyshevsky zu denken, zu hinterfragen und zu analysieren. Er erbte Abneigung des sowjetischen Systems von meinem Großvater Myron. Ich dagegen las ganze Buchreihen, wie „Flammende Revolutionäre“, „Opa Lenin“ und so weiter. Lediglich dieses Familiengedächtnis, das fragmentarisch und zerrissen war, löste in meinem Inneren einen Erinnerungskonflikt aus. Ich sagte einmal zu meinem Onkel: «Schau mal, Mikhail Ivanovych Kalinin – allsowjetischer Starosta» und plötzlich sagte er «Allsowjetischer Esel, kein Starosta». Das war 1981. Ich erwiderte: «Wie?! Es sind doch seine Porträts, die in allen Büros hängen, alle kennen ihn, und du sagst allsowjetischer Esel». Daraufhin antwortete er mir: «Es gibt nichts über ihn oder solche wie ihn zu sagen. Seine Frau saß im Gefängnis und er selbst diente diesem schnauzbärtigen Kannibalen». Da hörte ich zum ersten Mal von Stalins Verbrechen.

Und aus seinem Mund hörte ich: «Es ist ungewiss, was ganz am Anfang passiert wäre, wenn die Deutschen sich nicht so verhalten hätten. Alles wäre ganz anders. Wenn es die anderen Deutschen gewesen wären, wenn sie die Menschen nicht ermordet hätten, wären die Waffen gegen Stalin gerichtet worden». Mein Onkel hatte Stalins Repressionen und die Hungersnot miterlebt.

Im Exil war er ständig mit Antisemitismus konfrontiert. Anfang der 1980er Jahre, als er bereits über 60 war, sagte er so seltsame und gefährliche Dinge wie «die sowjetische Regierung ist nicht weniger verbrecherisch als die deutsche». Sowohl er selbst als auch die Familie Korostyshevsky sind im Exil dem Massenmord von Babyn Yar entkommen. Damals in den frühen 1980er Jahren hörte ich so viel antisowjetisches aus seinem Mund! Als Breshnev beerdigt wurde, war er einfach nur glücklich. Meine Mutter aber weinte: «Um Himmels willen! Wer kommt dann». Durch den verborgenen Schmerz meines Vaters über Babyn Yar und die Haltung meines Onkels zur sowjetischen Regierung war ich umgeben von den unterschiedlichsten Einstellungen zur Geschichte.

Da waren außerdem die Geschichten meiner Mutter über den 5. März 1953. Rafail Nakhmanovych[20], der Vater von Vitaliy Nakhmanovych, schrieb: «Als der Kannibale starb, ging ich bei UkrKinoStudio arbeiten».[21] Der „Kannibale“ war für einige ein Kannibale, für andere eine Vaterfigur.

Es ist schwer erträglich für mich, dass ich keine Zeit hatte, meine Eltern nach den Ereignissen in ihrem Leben zu fragen, die mich noch immer beschäftigen, und mir ist klar, dass ich nie davon erfahren werde. Auf der anderen Seite schaffen meine Familiengeschichten und -erinnerungen für mich als Historiker einen Vergangenheitsraum, der wiederum für mich dank der Erzählungen meiner Eltern etwas leichter zu begreifen ist. Mögen sie in Frieden ruhen.

 

Nachdem Russland die Ukraine am 24. Februar überfallen hat, war das Ukrainische Zentrum für Holocaust Studien in Kyiv gezwungen den Forschungs- und Lehrbetrieb einzustellen. Die Mitarbeitenden des Zentrums, aber auch Lehrer*innen und Universitätsprofessor*innen, Wissenschaftler*innen und alle, mit denen das Zentrum bisher zusammengearbeitet hat, befinden sich aufgrund des russischen Angriffs in äußerst schwierigen Situationen. Viele mussten fliehen, einige wurden bei russischen Angriffen getötet, einige wiederum gerieten unter die russische Besatzung oder in Gefangenschaft.

Während des Krieges hat das Zentrum zwei Arbeitsschwerpunkte entwickelt. Zum einen informieren die Mitarbeitenden des Zentrums ihre Kolleg*innen im Ausland, geben Interviews und halten Vorträge über den Verlauf des russischen Krieges gegen die Ukraine. Außerdem sammeln sie Spenden und unterstützen Absolvent*innen ihrer Projekte, Lehrer*innen, Studierende und Wissenschaftler*innen finanziell, so konnten sie bereits mehr als 100 Kolleg*innen helfen.

Das Zentrum hat inzwischen damit begonnen die pädagogische Arbeit wieder aufzunehmen. Die größte Herausforderung für die Organisation ist nun die Frage, wie die Geschichte des Holocaust nach dem 24. Februar 2022 vermittelt werden kann.

 


 

[1] Nach der alten aschkenasischen Tradition (Aschkenas hebr. Deutschland, heute Bezeichnung für jüdische Gemeinden europäischer Länder, einschließlich ukrainischer Juden) wurde ein Kind zu Ehren eines verstorbenen Verwandten benannt, wobei entweder der vollständige Name oder zumindest der erste Buchstabe dieses Namens übernommen wurde. Mein älterer Bruder Mark wurde zu Ehren meines Großvaters väterlicherseits, der noch vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges starb, Motl genannt.

[2] 1967 brach die UdSSR die diplomatischen Beziehungen zu Israel ab, und das Regime begann, den schleichenden Antisemitismus nicht nur in der Sowjetunion, sondern auch in den kontrollierten Gebieten Ost- und Mitteleuropas, im so genannten „sozialistischen Lager“ zu initiieren und aufrechtzuerhalten.

[3] Holodomor (setzt sich aus zwei Wurzeln „holod“ und „mor“ zusammen, bedeutet „Massenmord durch Hunger, Leiden unter Hunger, Verhungern) wird in der Ukraine als Bezeichnung für die Hungerskatastrophe von 1932-1933 verwendet, bei der 3 bis 3,5 Millionen Menschen starben. Seit dem Zusam­men­bruch der Sowjet­union dauert die poli­ti­sche Kon­tro­verse und wis­sen­schaft­li­che Debatte über Verlauf und Ursache der ukrai­ni­schen Hun­gers­not bis heute an und dreht sich weit­ge­hend um die Defi­ni­tion des Begriffs „Völ­ker­mord“. Es zeich­net sich jedoch ein breiter Konsens darüber ab, dass der Holodomor tat­säch­lich ein von Stalin und seinen Helfern ver­ur­sach­tes Verbrechen war. Siehe Plokhii, Serhii (2021): Holo­do­mor: Geschichte und Bedeu­tung der großen Hungersnot. In Beck, Marieluise (Hrsg.), Ukraine ver­ste­hen. Auf den Spuren von Terror und Gewalt, Ukrainian voices, vol. 16, ibidem. Simon, Gerhard (2013). Analyse: 80 Jahre Holodomor–die Große Hungersnot in der Ukraine. Ereignis und Erinnerung.

[4] Aus den Erinnerungen meines Großvaters Myron Korostyshevsky sowie den Zeugenaussagen vieler Kyiver jüdischer Familien lässt sich vermuten, dass die Juden aus Kyiv (und Kharkiv, Odesa, Dnipr und anderen Kleinstädten), vor allem Menschen im älteren und mittleren Alter, nicht fliehen oder sich evakuieren lassen wollten, weil sie nicht ahnten, dass das Dritte Reich nicht das Kaiserdeutschland des Ersten Weltkriegs war, an das sie sich erinnerten.

[5] SS-Einsatzgruppen waren mobile Polizeiformationen mit der Funktion, Juden und Kriegsgefangene zu töten sowie Aktionen zur Eliminierung der Bevölkerung in den besetzten Gebieten durchzuführen. Sie wurden aus den Reihen des SD, der SS und der Sicherheitspolizei formiert und waren dem Reichssicherheitshauptamt unterstellt. Während ihrer verbrecherischen Tätigkeit zwischen 1941 und 1942 haben diese Einheiten etwa eine Million Juden in den besetzten sowjetischen Gebieten vernichtet.

[6] Ajdyrlya ist eine Station an der Süduraleisenbahn in der Region Orenburg in der Russischen Föderation.

[7] Die Shoah Foundation am Visual History Institute der University of Southern California, USA, ist eines der weltweit umfangreichsten Archive für mündliche Überlieferungen von Holocaust Überlebenden.

[8] Ицик Кипнис. Бабий Яр. (К третьей годовщине) (с предисловием Л.Гофштейн, Л.Дробязко) // Голокост і сучасність. 2003. № 10. [Itzik Kipnis. Babi Jar (Zum dritten Jahrestag) (mit Vorwort von L. Hofstein und L. Drobyazko). In: Holocaust und Gegenwart, 2003, Nr. 10.]

[9] ПУРРКА - Политическое управление Рабоче-Крестьянской Красной Армии (russ., Politische Leitung der Roten Armee der Arbeiter und Bauern)

[10] „Sovetish heymland“ übersetzt aus dem Jiddischen "Sowjetische Heimat", monatliche literarisch-publizistische Zeitschrift, die von 1961 bis 1991 in Moskau auf Jiddisch erschien.

[11] Die Ärzteverschwörung (russ. der Fall der Ärzte-Schädlinge oder der Ärzte-Mörder, in den Untersuchungsakten „Fall der zionistischen Verschwörung“) war ein von Stalin und den sowjetischen Behörden fabriziertes Strafverfahren gegen eine Gruppe prominenter sowjetischer Ärzte mehrheitlich jüdischer Herkunft, die beschuldigt wurden, ein Komplott zur Ermordung mehrerer sowjetischer Staatschefs geschmiedet zu haben. Die Kampagne löste die Verfolgung von Angehörigen und Kolleg*innen der verhafteten Ärzt*innen sowie eine Welle antisemitischer Stimmung im ganzen Land aus. Kurz nach Stalins Tod erklärte die neue Führung der UdSSR, dass die Vorwürfe gänzlich von Stalin und seinen Helfern erfunden worden waren. Siehe A. Mark Clarfield: The Soviet “Doctors’ Plot”—50 years on. In: British Medical Journal, 21. Dezember 2002, 325(7378), S. 1487–1489.

[12] So wurden in der westlichen Presse die in der Sowjetunion lebenden Jüd*innen nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges bis zum Zusammenbruch der UdSSR bezeichnet, was wahrscheinlich auf das von Elie Wiesel 1966 erschienene Sachbuch „The Jews of Silence: A Personal Report on Sowjet Jewry“ zurückgeht (dt. Die Juden in der UdSSR. Antisemitismus im Sowjetreich, 1967).

[13] Pessach ist einer der wichtigsten Feiertage in der jüdischen religiösen Tradition. Es ist ein Fest der Freiheit, der Befreiung aus ägyptischer Gefangenschaft.

[14] Solomon Michoels (1890 - 1948) war ein jüdischer Schauspieler und künstlerischer Leiter des Staatlichen Jüdischen Theaters Moskau. Es war Vorsitzender des Jüdischen Antifaschistischen Komitees im Zweiten Weltkrieg, das weltweit in jüdischen Kreisen für den sowjetischen Krieg gegen das Deutsche Reich um Unterstützung warb. Als prominenter Vertreter der jüdischen Gemeinde und mit zahlreichen internationalen Kontakten wurde er Opfer der antisemitischen Säuberungsaktionen nach dem Zweiten Weltkrieg. Im Jahr 1948 wurde er auf Befehl Stalins in Minsk ermordet.

[15] Originaltitel: Kabinet far yidishe geshikhte und kultur.

[16] UT-1 hieß der Fernsehkanal der öffentlich-rechtlichen Rundfunkgesellschaft der Ukraine zwischen 1972 und 1998, heute Pershyi (ukr. Der Erste).

[17] Ein Mythos über 28 Garde-Infanteristen einer Division unter dem Kommando von Generalmajor I.V. Panfilov, die im November 1941 bei den Abwehrkämpfen vor Moskau den Angriff von 18 deutschen Panzern abgewehrt haben sollen.

[18] Die 18-jährige Zoya Kosmodemyanskaya war Soldatin der Roten Armee und erhielt als Teil einer Sabotage- und Aufklärungsgruppe den Auftrag, Siedlungen in den besetzten Gebieten zu verbrennen. Kosmodemyanskaya wurde von Deutschen gefangengenommen, gefoltert und durch den Strang hingerichtet. Um ihre Person wurde eine große sowjetische Propagandakampagne entwickelt, sie wurde zum Widerstandssymbol des sowjetischen Volkes gegen die deutschen Besatzer im Zweiten Weltkrieg. Nach Ihrem Tod wurde sie als erste Frau mit dem Ehrentitel „Heldin der Sowjetunion“ im Großen Vaterländischen Krieg ausgezeichnet. Die Figur Kosmodemyanskayas ist in der Belletristik, Kino, Malerei, Denkmalkunst und Museumsausstellungen weit verbreitet.

[19] Die Tragödie von Kurenivka ereignete sich am 13. März 1961, als eine 14 Meter hohe und 20 Meter breite Schlammlawine aus Babyn Yar auf den weiter unten gelegenen Bezirk Kurenivka in Kyiv abstürzte. Die offizielle Zahl der Todesopfer lag bei 147, während Historiker*innen die Zahl auf 1.500 bis 2.000 schätzen. Ab 1952 wurde die Schlucht von Babyn Yar mit Abfällen der anliegenden Ziegelfabrik in Form von Schlamm aufgefüllt, um eine flache Landschaft zu schaffen und einen Erholungspark auf dem Gebiet zu errichten. So sollte die Erinnerung an Babyn Yar als Massenerschießungsort von mehrheitlich jüdischen Menschen zerstört werden. Siehe Smoliy, V. A.; Goryak, G. V.; Danilenko, V. M. (2012). Куренівська трагедія 13 березня 1961 р. у Києві: причини, обставини, наслідки. Документи і матеріали [Kurenivka Tragedy March 13, 1961 in Kiev: Causes, Circumstances, Consequences. Documents and materials] (in Ukrainian). Institute of Ukrainian History NAN Ukraine. Dzhulay, Dmytro (16 March 2021). "Babyn Yar's 'Revenge'? The Deadly Mudslide The KGB Tried To Cover Up". Radio Free Europe/Radio Liberty.

[20] Rafail Nakhmanovych (23. Januar 1927 - 16. Mai 2009) war ein sowjetischer und ukrainischer Dokumentarfilmemacher, ausgezeichneter Kunstschaffender der Ukrainischen SSR (1990) und Mitglied des Verbands der Filmschaffenden der Ukraine. Studierter Theaterwissenschaftler, musste er vor Stalins Tod und dem Ende des "Kampfes gegen den Kosmopolitismus" als Assistent in anderen Berufszweigen arbeiten. Im Jahr 1954 trat er in das ukrainische Studio für Dokumentarfilme in Kyiv ein, wo er bis 1997 arbeitete. Er drehte über sechzig Dokumentarfilme, von denen etwa zehn aus politischen Gründen vernichtet oder nicht zugelassen wurden. Dreimal wurde ihm für einen längeren Zeitraum das Recht entzogen Filme zu drehen.

[21] Рафаил Нахманович. Возвращение в систему координат, или Мартиролог метека. [Rafail Nakhmanovych. Rückkehr ins Koordinatensystem, oder das Martyrologium eines Metöken]. Kyiv: Feniks, 2013.