von Rebecca Wegmann

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12. Oktober 2022

Zu Beginn des Jahres 1933 lebten 160.000 Juden in Berlin, anteilig rund ein Drittel der in Deutschland lebenden Juden. Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 wurden 55.000 Berliner Juden ermordet, 7.000 von ihnen nahmen sich durch Selbsttötung das Leben.[1] Der Rest konnte in der Emigration oder im Untergrund der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie entkommen. Einer von ihnen ist Cioma Schönhaus. Seine Überlebensgeschichte wurde nun unter der Regie von Maggie Peren im Spielfilm „Der Passfälscher“ nacherzählt.

Samson Schönhaus wurde als einziger Sohn belarussisch-jüdischer Eltern 1922 in Berlin geboren. Schon früh träumte der Junge, der nur Cioma genannt wurde, davon, Grafiker zu werden. Im Gegensatz zu seinen Eltern und vielen anderen jüdischen Personen aus seinem Berliner Umkreis schaffte er es bis 1943 nicht in den Osten deportiert zu werden und im Berlin des NS-Regimes zu bestehen. Durch die Emigration in die Schweiz im Spätsommer desselben Jahres überlebte er die Shoah. Da er als Grafiker im Umkreis der Widerstandsgruppe von Dr. Franz Kaufmann über 300 Ausweise für im Untergrund versteckte Juden anfertigte, wurde er von der Gestapo als „Passfälscher“ gesucht: Sein Zeichentalent rettete nicht nur ihm selbst, sondern auch anderen das Leben. Bereits 2017 widmete sich das deutsche Doku-Drama „Die Unsichtbaren“ den Überlebensgeschichten Hanni Lévy, Ruth Arendt, Eugen Friede und Cioma Schönhaus. Die Vorlage für Perens Spielfilm bildet die gleichnamige Autobiografie, die Cioma Schönhaus 2004 sechzig Jahre nach den Geschehnissen als über Achtzigjähriger niederschrieb. Cioma Schönhaus berichtet in seiner Autobiografie davon, wie er als „junger Grafiker […] zum heimlichen Fluchthelfer für Hunderte von Todgeweihten“ wird. In seinen fast unglaublich klingenden, anekdotenreichen Erinnerungen berichtet er mit Sinn für Selbstironie und Spannung aus seinem wechselvollen Leben im nationalsozialistischen Berlin.

Der Überlebende beginnt seine Geschichte:

„Meine glückliche Rettung ist die Folge eines Geschehens, bei dem das Gesetz der großen Zahlen die entscheidende Rolle spielt. Wenn der Parkettboden in einem großen Raum ein faustgroßes Loch aufweist, und wenn in diesem Raum jemand versuchen wollte, mit einer Erbse in dieses Loch zu treffen, wären die Chancen minimal. Nähme man aber einen Sack voller Erbsen und leerte diese im Raum aus, das Loch wäre sofort gefüllt. Die Geschichte einer jeden Erbse, die im Loch gelandet ist, bestünde dann ebenso wie die meine aus einer Kette wundersamer Zufälle. Ich bin eine solche Erbse.“[2]

 

Gerafft, gekürzt, dramatisiert – Eine Autobiografie wird zum Spielfilm

Seit über zwanzig Jahren arbeitet Maggie Peren erfolgreich als Drehbuchautorin und Regisseurin im deutschen Film- und Fernsehmarkt. Mit dem Kurzfilm „Hypochonder“ (2004) feierte sie ihr Regiedebüt. Bereits mit 24 Jahren gewann Peren mit ihrem Drehbuch für den deutschen Spielfilm „Vergiss Amerika“ (1999/2000) Preise. Anfang der 2000er-Jahre stand Peren als Darstellerin in Filmen wie „Kiss and Run“ (2002) oder „Nicht meine Hochzeit“ (2004) selbst vor der Kamera. Über ihre zahlreichen Drehbucharbeiten hat Peren sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten vor allem mit Reihen wie „Mädchen, Mädchen“ (Teil 1 2001 und Teil 2 2004), „Freche Mädchen“ (Teil 1 2008 und Teil 2 2010) oder Kinofilmen wie „Dieses bescheuerte Herz“ (2016) im Genre der Liebeskomödie einen Namen gemacht. Für „Napola – Elite für den Führer“ (2004) wurde Peren gemeinsam mit Dennis Gansel mit dem Deutschen Filmpreis in der Kategorie „Bestes Drehbuch“ ausgezeichnet. Ihre neueste Arbeit, in der sie sowohl Regie geführt als auch das Drehbuch geschrieben hat, ist eine Filmbiografie über den „Passfälscher“ Cioma Schönhaus. Das Spielfilm-Drama feierte im Februar 2022 im Rahmen der Filmfestspiele in Berlin Premiere.

In einem kurzen Video, das der Vorführung auf der diesjährigen Berlinale vorausgeht, erzählt Peren von ihrer persönlichen Begegnung mit Cioma Schönhaus. Peren bewundert seine Lebensfreude, die für die Filmemacherin Motivation war, seine Autobiografie in einen Spielfilm zu verwandeln.

Zu Beginn des Spielfilms rennt Cioma Schönhaus, gespielt von Louis Hofmann, in ein Fundbüro: Der Held hat etwas verloren und redet mit dem Beamten am Tresen. Er setzt sich hin, holt ein kleines Notizheft heraus und beginnt etwas auf dessen Seiten zu malen. Der Spielfilm verortet seine Zuschauer:innen in Berlin, im Sommer 1942. Der noch nicht zwanzigjährige Cioma lebt allein in einer großen, bürgerlich ausgestatteten Wohnung. Seine jüdischen Eltern Boris und Fanja Schönhaus wurden vor fünf Tagen nach Sobibor und Majdanek deportiert. Weil er in der Kleinkalibergewehr-Fabrik Gustav Genschow, damit in der Kriegswichtigen Rüstungsindustrie, arbeitet, entgeht er einer Deportation.

Filmstill: Cioma (Louis Hofmann) an der Werkbank in der Kleinkalibergewehr-Fabrik Gustav Genschow in „Der Passfälscher“, Regie von Maggie Peren (2022). Berlinale Special. © DREIFILM

Als einziger aus seiner Familie, auch seine „Omama Alte“ Enta Maria Berman, seine „Tante Soschka“ Sophie Berman und sein „Onkel Meier“ Meier Berman, mussten Berlin Richtung Osten verlassen, bleibt er in der bürgerlichen Wohnung in der Münzstraße 11 zurück. Damit lässt der Film das erste Drittel der Autobiografie, in denen die ersten Jahre des Zweiten Weltkrieges, die jüdische Familiengeschichte – Ciomas Eltern sind aus Weißrussland nach Deutschland emigriert – und seine Zwangsarbeit sowie kurzzeitige Inhaftierung geschildert werden, komplett weg. Tante, Onkel, Omama und seine Eltern spielen im Film keine Rolle. Sie alle werden in den Vernichtungslagern im Osten ermordet.

Doch der lebensfrohe Halbstarke Cioma (Louis Hofmann) bleibt im Spielfilm nicht lange allein in der verlassenen Wohnung. Er hat einen Freund: Der ehemalige Arbeitskollege seiner Mutter aus der Firma Wysocky Det Kassriel (Jonathan Berlin) zieht bei Cioma ein. Der junge Mann ist ebenfalls Jude, ein Jahr älter als Cioma und gelernter Schneider. Det, der mit bürgerlichen Namen Siegbert Kasriel hieß, wird für Cioma zum wichtigen Wegbegleiter. Trotz zunehmend schwieriger Umstände verlieren die beiden jungen Männer ihren Lebensmut nicht und geben einander Halt und Zuversicht. So ist Dets Verhaftung emotionaler Höhepunkt des Films. Neben Det hat Cioma im Spielfilm nur eine weitere bedeutende Vertrauensfigur: Gerda.

Während der leichtfüßige Grafiker in seiner Autobiografie noch ein wenig schüchtern und blauäugig mit Frauen umgeht, wird er mit der Zeit zum Frauenhelden. Seine vielen Frauengeschichten – Lotte Windmüller, Patentochter eines Gestapo-Beamten aus Bielefeld, mit Renate Klepper, Stieftochter des Schriftstellers Joachim Jochen Klepper, Evchen Hirschfeld, mit Dorothee Fliess, mit Eva Goldschmidt, mit der russischen Krankenschwester Tatjana, mit Hanni Hollerbusch, mit Stella Goldschlag, Denunziantin der Gestapo und vielen mehr – werden im Spielfilm zu einer Liebesgeschichte zusammengekürzt. Angelehnt an eine Figur aus der Autobiografie verliebt sich Cioma (Louis Hofmann) im Film Hals über Kopf in Gerda, die einundzwanzigjährige Ehefrau eines Wehrmachtssoldaten. Ihr Mann kämpft an der Front und ist nur selten für wenige Tage auf Heimaturlaub in der gemeinsamen Wohnung. Gespielt wird diese Frauenfigur von der Schweizer Schauspielerin Luna Wedler. Die Anfang zwanzigjährige Zürcherin verkörperte in dem Instagram-Projekt von SWR und BRIch bin Sophie Scholl“ die Hauptrolle der Widerstandskämpferin. In den geisteswissenschaftlichen Disziplinen entfachte jenes Projekt eine Diskussion über Geschichtsvermittlung in den sozialen Medien. 

Im Spielfilm lebt Gerda von den Lebensmittelkarten ihres Mannes oder sucht sich andere Wege, um sich in Kriegszeiten am Leben zu halten. Zum Selbstschutz verschleiert sie ihre wahre Identität.

Filmstill: Luna Wedler als Gerda und Louis Hofmann als Cioma Schönhaus in „Der Passfälscher“, Regie von Maggie Peren (2022). Berlinale Special. © DREIFILM

Cioma ist Gerda vollkommen verfallen. So wird aus dem Frauenhelden eine Liebestrunkener. Die Filmfigur Gerda erhält als Ciomas Geliebte auf der Leinwand viel Aufmerksamkeit. Dagegen bleibt die Frauenfigur der Helene Jacobs im Hintergrund. „Ihr Äußeres entsprach einer Tarnkappe. Sie wirkte auf den ersten Blick wie die Unschuld vom Lande. Aber sie wusste sich dieser Tarnkappe hervorragend zu bedienen.“[3] Die mutige Unscheinbare aus dem konspirativen Kreis um Dr. Franz Kaufmann hat zur Rettung vieler Juden beigetragen. Helene Jacobs ist keine von Ciomas Frauengeschichte. Nachdem ihn niemand mehr aufnehmen will, findet er bei ihr Unterschlupf. Helene rettet somit Cioma das Leben. In der Zeit, in der Cioma bei ihr wohnt, entwickelt sich zwischen den beiden eine unerschütterliche Freundschaft. Helenes Geschichte widmet der Spielfilm eine kurze Erläuterung im Epilog.

Diese Kürzungen und Raffungen, die das Drehbuch gegenüber der Autobiografie macht, sind grundsätzlich verständlich und sorgen dafür, dass Figurengefüge und Handlung für die Zuschauer:innen des Spielfilms übersichtlich bleiben. Eine Kürzung ist für Zuschauer:innen, die auch die Autobiografie gelesen haben, jedoch unverständlich. Ciomas Eltern sind handlungsweisende Figuren in seiner Überlebensgeschichte. In aussichtslosen Augenblicken oder Notlagen beruft sich Cioma immer wieder auf die Stimmen seiner Eltern, vor allem seines Vaters, die ihm als Wegweiser dient.[4]Diese Bedeutung verlieren die Eltern jedoch im Spielfilm, in dem sie nur kurz auf einem Familienbild dargestellt werden. Umso erstaunlicher ist diese Auslassung, hat Cioma Schönhaus doch als Chronist[5] in seiner Autobiografie auch ihre Geschichte erzählt.

 

Die Verwandlung – Aussehen wie die anderen

Neben seiner schelmenhaften Art, seiner Leichtigkeit und einem Talent für Lügengeschichten, das Pinocchio neidisch machen würde, setzt Cioma, um zu überleben, immer wieder auf das Moment der Täuschung und Verwandlung. „Wir wollen wenigstens aussehen wie alle anderen. Ganz einfach wie Nazis in Zivil.“[6] So lässt sich Cioma zur Verwunderung von Dr. Kaufmann einen Militärhaarschnitt verpassen. Bei dem Besuch eines SS-Lokales, in Ciomas schriftlichen Erinnerungen das Hotel Kaiserhof, „Hitlers Stammlokal. Hier hat ihm Göring die Nachricht übermittelt, er sei Reichskanzler. Hier hat Kaiser Wilhelm seine Herrenabende veranstaltet, zu denen verdiente Offiziere eingeladen wurden. Hier wohnte Bismarck, bevor er ins Reichskanzlerpalais umzog“[7], treiben Det (Jonathan Berlin) und Cioma (Louis Hofmann) das Prinzip der Täuschung im Spielfilm auf die Spitze. Gekleidet in Marineuniformen nehmen die beiden jungen Männer dort an exklusiven Tanzabenden der Wehrmacht teil. Sie geben sich als Soldaten auf Heimaturlaub aus und täuschen die Gäste erfolgreich.

Filmstill: Joscha Schönhaus als Det Kassriel (l.) und Louis Hofmann als Cioma Schönhaus (r.) in „Der Passfälscher“, Regie von Maggie Peren (2022). Berlinale Special. © DREIFILM

Auch Det hat dieses Prinzip verinnerlicht. „[D]amit man mir nicht den eingeschüchterten Juden ansieht, übe ich, mich selbstsicher in der Nazigesellschaft zu bewegen. Bei den Tieren nennt man diese Verhaltensweise Mimikry.“[8] Nicht nur äußerlich wendet Cioma dieses Prinzip an. Auch auf dem Papier wechselt er stetig seine Identität. Sein belarussischer Großvater hatte ihm das Spiel mit der Namensänderung beigebracht. Mit dem Gang in die Illegalität wird aus Cioma Schönhaus zunächst Günther Rogoff, dann der Adlige Peter von Schönhausen, und später wird Cioma zum Belarussen Peter Petrov.

In Kriegszeiten unterziehen sich selbst Gebäude einer Verwandlung. Zum Schutz gegen feindliche Flieger wurde das Gebäude der Kleinkalibergewehr-Fabrik Gustav Genschow in Berlin Treptow, in dem Cioma vor der Illegalität arbeitet, mit Feuerwehrlöschern in grüner, brauner und schwarzer Farbe getarnt. Im Berlin der 1940er Jahre ist nichts mehr, wie es scheint. In einem ehemaligen Gemüseladen in der Waldstraße werden die Fenster von innen weiß angemalt. Von außen gilt der Laden als Lagerraum und Werkstatt für Elektromaterial. Doch hinter den Fenstern spielt sich etwas anderes ab: Als Tarnung vor den neugierigen Nachbar:innen des kleinen Ladens macht ein weißer Kittel Cioma zu einem Technischen Zeichner – seine Fälschungen sind lediglich kleine technische Zeichnungen.

 

Der „Fluchtkönig“

Über einige Umwege und Zufälle lernt Cioma (Louis Hofmann) Dr. Kaufmann kennen. Dr. Franz Kaufmann (Marc Limpach), der bis 1936 Oberregierungsrat im Finanzministerium gewesen war, versammelt ab 1940 einen konspirativen Kreis jüdischer Widerstandskämpfer:innen um sich, der sich dem Überleben jüdischer Verfolgter im Berliner Untergrund widmet. Als ehemaliger Regierungsbeamter nutzt er seine Kontakte, um Juden Verstecke, Lebensmittelkarten oder andere überlebenswichtige Dinge zu vermitteln. Hier kann Cioma sein grafisches Können unter Beweis stellen. Der stets optimistische Cioma nimmt die Herausforderung an, d.h. Ösen herauslösen, Fotos ersetzen, Stempel ergänzen. „Gute Fälschungen sind im Grunde wie kleine Kunstwerke“, erklärt Louis Hofmann als Cioma. Für die gefälschten Pässe erhält er von Dr. Kaufmann Lebensmittelkarten für Det und sich. So fährt Cioma nun jede Woche mit in einer Zeitung versteckten gefälschten Ausweisen – dort werden die Fälschungen bei einer Durchsuchung vermutlich nicht entdeckt – im Gepäck zu Dr. Kaufmann nach Halensee in die noble Villa in der Hobrechtstraße 3. Die Besuche bei Dr. Kaufmann sind wie Russisches Roulette, Cioma weiß nie, was ihn erwartet und lebt unter ständigen Bedrohung verhaftet zu werden. Eines Tages geht etwas schief. Sein Kollege Ludwig Lichtwitz (Yotam Ishay) hat unwissend mit einer Zeitung, in der einundzwanzig Ausweise versteckt waren, den kleinen Kanonenofen in den Werkräumen des Gemüseladens angefeuert. Diese Nachlässigkeit ist für Dr. Kaufmann zunächst unverzeihlich, und Cioma verliert kurzzeitig dessen Vertrauen. Da der junge Grafiker jedoch in seiner Arbeit nur schwer zu ersetzten ist, stellt Dr. Kaufmann ihn wieder ein.

 

 

Die Ironie des Schicksals will es, dass auch Cioma seinen eigenen Pass samt Portemonnaie verliert. Nun wird er steckbrieflich gesucht und das mühsam aufgebaute Kartenhaus der Illegalität droht in sich zusammen zu fallen. In dieser Situation versucht Dr. Kaufmann Cioma etwas aufzumuntern: „Schönhaus, [...] jetzt muss ich Ihnen etwas gestehen: So ganz habe ich Ihnen damals die Sache mit den verbrannten Ausweisen doch nicht geglaubt. Aber wenn ich jetzt sehe, wie liederlich Sie mit Ihrem eigenen Ausweis umgehen, glaube ich Ihnen.“ Cioma, ein chronischer Optimist erwidert: „Danke, Herr Doktor. Alles hat doch, selbst wenn es noch so schlimm ist, immer eine positive Seite.“[9] Auch wenn die Umstände in Berlin immer aussichtsloser für Cioma werden, mit den Ratschlägen seines Vaters im Kopf, schafft er es ein ums andere Mal, sich aus fadenscheinigen Situationen heraus zu schlawinern. Immer wieder entpuppt sich der schlagfertige und listige, junge Mann gerade durch seine Art, das Leben nicht allzu ernst zu nehmen, als wahrer Überlebenskünstler. Deshalb verleiht ihm Dr. Kaufmann während einer ihrer Besprechung in seinem altväterlichen Herrenzimmer einen besonderen Titel:

„Schönhaus, wissen Sie, wie ich Sie von jetzt an nenne? Für mich sind Sie der Fluchtkönig. […] Sie sollten eine Schule der Illegalität gründen und dort Unterricht erteilen. Im Grunde ist ja das, was wir hier tun, kriminell. Aber unter einem kriminellen Regime ist das, was wir machen, die einzig angemessene Verhaltensform.“[10]

 

Frau Peters – Zwischen Opportunismus und Nationalsozialismus

Stellvertretend für Nachbar:innen, Arbeitskolleg:innen und andere Deutsche, die als Teil der nationalsozialistischen Gesellschaft an den Verbrechen beteiligt waren und ihnen tatenlos zugesehen haben, steht im Spielfilm die Figur der Frau Peters. Sie verkörpert eine ganz normale Deutsche. Die NS-treue Witwe des einstigen Blockwarts wohnt in einem der unteren Stockwerke in der Münzstraße 11. Ähnlich zur Figur des Vermieters Mr. Yunioshi in „Breakfast at Tiffany’s“ (1961) weiß Frau Peters über alles, was in der Münzstraße 11 geschieht, Bescheid und sorgt bei Widrigkeiten für Recht und Ordnung. Die Kriegswitwe steckt immer überall ihre Nase hinein, niemand ist vor ihr sicher. Die Peters nutzt jede Begegnung, sich bei Cioma und Det über etwas zu beschweren und macht ihnen wiederholt Ärger. Bei einem Versuch, die Wertgegenstände aus der Wohnung zu verkaufen, platzt Frau Peters in die überschwängliche Feier, die die beiden jungen Männer mit einer Gruppe von Marktfrauen veranstalten. Doch Frau Peters ist nicht durch und durch Denunziantin: Sie entscheidet sich aus dem Dilemma ihrer jüdischen Nachbarn Profit zu schlagen und bietet ihnen an, Gegenstände der Familie Schönhaus selbst zu verkaufen. Cioma erhält einen Anteil des Erlöses, verpflichtet sich aber, auszuziehen. „In der Wohnung in der Münzstraße 11 hallt es wie in einer Kirche. Alle Zimmer sind leer. Auch die Seelen der Bewohner sind weit weg. Vielleicht sogar schon im Himmel.“[11]

Filmstill: Nina Gummich als Nachbarin Frau Peters konfrontiert Cioma (Louis Hofmann) in „Der Passfälscher“, Regie von Maggie Peren (2022). Berlinale Special. © DREIFILM

Die bekennende NS-Anhängerin lässt durch derartige Entscheidungen ihr wahres Gesicht – das einer Opportunistin – durchscheinen. Gewissenhaft lässt sich die Kriegswitwe alle Verkäufe quittieren, um am Ende den Nachweis zu haben, dass die Rechnungen ordnungsgemäß beglichen wurden. Später hat Frau Peters Sex mit Det, doch dass er Jude ist, scheint die NS-Anhängerin nicht zu stören. Sie verrät Cioma und Det nicht an den Beamten von der Gestapo, Herr Dietrich (André Jung), der die Wohnung zu Beginn des versiegelt und damit eigentlich dessen Interior beschlagnahmt. Auch als Dietrich erneut in die nun mehr leere Wohnung kommt, spielt Frau Peters die Ahnungslose.

Zum Ende des Films muss Cioma in letzter Not noch einmal in die elterliche Wohnung in der Münzstraße zurückkehren – was Frau Peters wachsames Auge nur unter Protest zulässt. Cioma muss für seinen Plan in die Schweiz zu emigrieren einen Wehrmachtsausweis anfertigen. In der leeren Wohnung in der Münzstraße, vollkommen ausgehungert, bei Nacht während um ihn herum der Bombenhagel über Berlin einprasselt, gelingt dem Passfälscher das Kunstwerk. Am Morgen kommt es zur finalen Konfrontation mit der Nachbarin, die ihn für ihr Leid verantwortlich macht. Doch der lebensfrohe Cioma lässt sich von der Opportunistin nicht beirren und hüpft, den rettenden, gefälschten Wehrmachtsausweis in der Tasche aus der Haustür der Münzstraße.

Für Zuschauer:innen mit nur wenigen historischen Kenntnissen mag der Spielfilm „Der Passfälscher“ gute Unterhaltung sein. Für Menschen, die die Autobiografie gelesen haben, bleibt der Film – wie so oft – hinter dem Buch zurück.

 

Der Passfälscher“ (2022), Regie von Maggie Peren, ist ab dem 13. Oktober in den deutschen Kinos zu sehen. 

 

 


[1] Die Zahlen sind den offiziellen Angaben der Chronik der Jüdischen Gemeinde zu Berlin entnommen, [zuletzt aufgerufen 10.10.2022].
[2] Cioma Schönhaus: Der Passfälscher. Ein junger Grafiker wird zum heimlichen Fluchthelfer für Hunderte von Todgeweihten. Frankfurt am Main 2004. S.7.
[3] Ebd. S.160.
[4] Vgl. ebd. S. 60/61, S.107 und S.129.
[5] Cioma beschreibt in seiner Autobiografie in einem der erdachten Dialoge mit seinem Vater: „Du bist unser Chronist. Schreibe alles auf. Deine Erinnerungen machen uns unsterblich.“ Ebd. S.133.
[6] Ebd. S.12.
[7] Ebd. S.46.
[8] Ebd.
[9] Ebd. S.155.
[10] Ebd. S.142.
[11] Ebd. S.110.