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Filmstill aus "Heimat ist ein Raum aus Zeit" von Thomas Heise

Filmstill aus "Heimat ist ein Raum aus Zeit" von Thomas Heise (Dtld./Aut. 2019) © Produktion: ma.ja.de (Deutschland) und Navigator-Film (Österreich)

„Heimat ist ein Raum aus Zeit“
Der neue Film von Thomas Heise feierte Premiere in der Forum-Sektion der Berlinale 2019
von
Annette Schuhmann
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Veröffentlicht am 11. Februar 2019

In seiner aktuellen Dokumentation „Heimat ist ein Raum aus Zeit“ erzählt der 1955 in Ostberlin geborene Regisseur Thomas Heise die Geschichte eines Teils seiner Familie. In einer Art Collage ordnet Heise seine Quellen über einen Zeitraum von nahezu 100 Jahren an. Die Erzählung beginnt in der Zeit des Ersten Weltkrieges und endet im Jahr 2014. Seine Quellen sind Briefe, Aufsätze, Gesprächsmitschnitte, Fotos. Die aus den Briefen zitierten Passagen werden vom Regisseur eingelesen.

Das Vorlesen der Briefe wird begleitet von Schwarz/Weiß-Bildern deutscher Gegenwart. Einer Gegenwart, meist bestehend aus einem leeren Land. Es gibt nichts Anheimelndes, eher viel Unheimliches zu sehen, und durch die fast vier Stunden, die der Film dauert, rollen in unendlicher Zahl Züge. Züge beladen mit Pkws, mit Öltanks, mit Holz.
Zwar sehen wir nicht jene Transportwaggons, die unweigerlich an die Deportationszüge der 1940er Jahre erinnern, und dennoch schleicht sich allein angesichts der überbordenden Zahl der durch die Landschaft fahrenden Züge und der Draufsicht auf die Gleise unwillkürlich ein Wort, ein Gedanke in die Köpfe der ZuschauerInnen: Auschwitz.

Wir beobachten verlassene Landschaften, denen man den Niedergang ansieht, Windräder die eher bedrohlich wirken, und wir sehen berückende Naturbilder, die dennoch vollkommen postkartenungeeignet sind.

Der Film beginnt mit der Lesung eines Schulaufsatzes zum Thema Krieg. Die Gegenwart des 14-jährigen Autors dieses Aufsatzes ist der Erste Weltkrieg, und das Kind, Heises Urgroßvater, verdammt den Krieg mit recht klugen, für einen Vierzehnjährigen geradezu weisen Worten. Nachdem knapp vier Stunden vergangen sind, man die Züge kaum noch sehen und von den vorgelesenen Briefen nicht genug bekommen kann, ist man im Jahr 2014 angelangt. Heises Vater ist längst gestorben, selbst die Mutter ist nun tot. Der Krieg indes und seine Folgen sind noch immer gegenwärtig.

Angesichts dieses sehr persönlichen Films Heises stellen sich unweigerlich Fragen danach, wie wir jemals unbefangen Aufnahmen von Schienensträngen, Bahngleisen, Waggons sehen können, ob die Tatsache, dass die Ermordung eines Großteils der Familie Heises in deutschen Vernichtungslagern nicht bis ins zigste Glied der Generationenfolge Trauer verursacht, und danach, ob wir dreißig Jahre nach dem Mauerfall die durch die Teilung hervorgerufenen Unterschiede zweier Bevölkerungen in Mentalität, Habitus, Sozialstruktur, Sprache und Humor endlich anerkennen könnten, anerkennen ohne Zorn und Eifer in der Wahrnehmung der jeweils „anderen“.
Heise jedenfalls entwickelt in seiner Dokumentation Ideen dafür, wie mit diesen Fragen umgegangen werden könnte. Er bietet uns ein lakonisches Bild von Heimat, eine Heimat, auf die man nicht notwendigerweise stolz sein muss, aber es ist nun einmal die, die existiert. Ein Land mit vielen Wahrheiten, noch immer geprägt von Täterschaft und Teilung.

Die Fragen, die das Publikum an den Regisseur im Anschluss an die Vorführung im Delphi-Kino stellt, spiegeln den Nachhall deutscher Geschichte in der Gegenwart, ebenso wie seine zum Teil resoluten, auffällig schnellen und präzisen Antworten: „Nein, dieser Film ist keine persönliche Trauerarbeit, und nein, die Schienen und die endlosen Güterzüge sollen keinen Bezug zum Holocaust herstellen ...“
Der Dialog zwischen Publikum und Regisseur nach dieser Aufführung im Rahmen der Berlinale könnte wiederum Teil einer Heise-Szenerie sein. Der Regisseur verbietet sich im Gespräch ebenso wie in seinen Filmen eindeutige und beruhigende Antworten auf die Fragen, warum wir sind, wie wir sind, und wovon wir geprägt sind.

Dass Heise ein „ostdeutscher“ Dokumentarfilmer ist, wird vielleicht deutlich an einer besonders lakonischen Form des Umgangs mit der deutschen Geschichte, an seinen Themen, die sehr persönlich sind und in denen er manchmal bis zur Selbstverletzung offen ist, und schließlich auch an seiner Sprache im Autorengespräch und in Interviews. Damit ist weniger sein berlinernder Slang gemeint. Vielmehr sind es Sätze wie jener, in einem „taz“-Interview aus dem Jahr 2005 geäußert, in dem Heise zu seinem damals ebenfalls im Berlinale-Forum laufenden Film „Mein Bruder“ interviewt wurde. Mitten im Interview taucht die Frage des Journalisten auf: „Es geht um Selbsterfahrung?“ Die Antwort Heises lautet: „Das Wort finde ich nicht verwendbar.“[1]

Dass Heise den Begriff Selbsterfahrung „nicht verwendbar“ findet, einen Begriff, der die Bundesdeutschen seit den 1970er Jahren gefangen hält, eine Vokabel, aus der sich ein permanent wachsendes Marktsegment, ja eine ganze Wachstumsbranche und nicht zuletzt eine Kulturtechnik entwickelt hat, wird auch bei diesem aktuellen Film des Jahres 2019 deutlich.

Heise beansprucht mit seinen Bildern, die den Film ebenso wie die gelesenen Texte bestimmen, nicht die Idee eines geschlossenen Geschichts-(Heimat)Bildes. Sein Film ist vielmehr eine recht sprunghafte Erzählung über Menschen, die ihrer jeweiligen Heimat ausgeliefert sind. Dabei gibt es Momente, die einem den Atem nehmen, die eine nahezu physische Erstarrung des gesamten Publikums bewirken. So etwa der Briefwechsel der Familie zwischen Wien und Berlin in den Jahren 1941/42.
Die Deportationen in Richtung Osten hatten längst begonnen. Die jüdische Bevölkerung Wiens musste in immer kleinere Wohnungen, schließlich Zimmer umziehen. Man lebte auf engstem Raum in Kälte und Hunger, und wenn der Postbote an der Tür vorbeiging, ohne die Aufforderung zu überbringen, sich in der Sammelstelle einzufinden, dann war das ein glücklicher Tag. Die Familie versuchte, den Humor zu wahren, und hoffte täglich, dass man sie einfach übersehen würde. Aber die Nachrichten aus dem Osten verhießen nichts Gutes. Mit Vernichtung aber rechneten sie nicht: Vielleicht, schreibt der Urgroßvater aus Wien, vielleicht seien die bereits deportierten Verwandten einfach zu beschäftig an ihrem neuen Ort in Lodz oder wer weiß wo, um eine Nachricht zu schreiben ...“

Während Heise diese Briefe liest, sehen wir auf der Leinwand in endloser Reihung die Wiener Deportationslisten: Nr., Name, Adresse, Geburtsjahr. Alphabetisch geordnet, auf dem Blattrand oben rechts das Deportationsziel.
Dass die Administration des Tötens zuverlässig funktionierte, ist bekannt. Die Quellen hingegen zu sehen, eine schier endlose, mindestens zwanzigminütige Reihung der Listen auf Cinemascope zu lesen ... Es will sich kein Gewöhnungseffekt einstellen.
Die Listen von Namen derjenigen, die in den Tod geschickt wurden, einer verzweifelten Hoffnung auf Überleben gegenüberzustellen, ist für die ZuschauerInnen kaum zu ertragen. 

Daneben gibt es Zeugnisse der Liebe in Zeiten des Kalten Krieges. Udo, ein früher Geliebter von Rosie, die später Heises Mutter werden wird, lebt im Westen und schreibt in den frühen 1950er Jahren kluge, witzige und sehnsüchtige Briefe an die Frau, die ihn über fast ein Jahrzehnt beschäftigen wird und die er nach Kräften dazu bringen will, in den Westen zu kommen. Sie wird nicht kommen. Sie wird den Philosophen Wolfgang Heise heiraten und in einer nahezu hellsichtigen Sicht auf diesen ernsten Wissenschaftler ihre Ehe analysieren, bevor sie überhaupt begonnen hat. Die Briefe Udos von West nach Ost zeigen einen analytisch scharfen Blick auf beide Systeme vor dem Mauerbau. Und sie zeigen auf der anderen Seite eine sehr selbstbewusste und kluge Frau, die sich vorbehält, über ihre politischen Ansichten und ihre Liebe vollkommen unabhängig zu entscheiden. Ein Frauenbild, das man selten mit dieser Zeit in Verbindung bringt.

Heises Film ist lang. Die knapp vier Stunden fordern dem Publikum eine Menge ab. Allerdings entfaltet die Dokumentation gleichsam eine Art Depotwirkung. Man ist noch tagelang mit Heise im Gespräch, will mehr und mehr Briefe lesen, die Zeitläufe durch die Augen seiner ProtagonistInnen erfahren.

Heise hat ein Kunstwerk geschaffen und grenzt sich selbstverständlich klar von der wissenschaftlichen Geschichtsvermittlung ab.[2] Die Historikerin beneidet ihn dennoch aus ganzem Herzen um diese Form der Darstellungsmöglichkeiten von Geschichte, die eine Intensität entfalten, die keiner unserer Monographien je möglich sein wird.
Nur die Sache mit den Zügen ...

Credits des Films
Produktion: ma.ja.de (Deutschland) und Navigator Film (Österreich)
Thomas Heise on Vimeo
Website Thomas Heises  

Der Film „Heimat ist ein Raum aus Zeit“ läuft auf der diesjährigen Berlinale noch an weiteren Terminen im Rahmen der Sektion Berlinale Forum

Weitere Vorstellungen:
Dienstag 12.02. 19:30 Uhr CinemaxX 4
Freitag 15.02. 15 Uhr Kino Arsenal 1
Sonntag 17.02. 17 Uhr CinemaxX 6


[1] „Ich bin kein Staatsanwalt“. Ein Vehikel, um miteinander zu reden: Thomas Heise versucht in „Mein Bruder – We’ll meet again“ (Forum) zu zeigen, warum sein Bruder mit einem Freund zusammenlebt, der ihn als IM bespitzelt hat, Thomas Heise im Interview mit Stefan Reinicke, in: taz. die tageszeitung vom 17.2.2005. (zuletzt am 11.2.2019)
[2] Als läge alles schon 2000 Jahre zurück. Gespräch mit Thomas Heise von Claus Löser. Das Interview fand am 9. Januar 2019 statt und ist online auf der Website des Arsenal. Institut für Film- und Videokunts e.V.