von Robert Mueller-Stahl

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10. Juli 2019

Ausstellen heißt bekanntlich Weglassen. Für jedes präsentierte Exponat müssen schließlich andere beiseite rücken, in den Hintergrund treten, oder gar ganz weichen. Sei es aus rein pragmatischen Gründen, aus Platzmangel etwa, oder aus gestalterischen, um die Besucher*innen nicht mit Gegenständen und Informationen zu überfrachten. Dies ist die Krux des Kuratierens.

Dass der materielle Verzicht dabei mitnichten auch einen Verlust an musealer Erzählkraft bedeuten muss, sondern im Gegenteil auch Räume zum Entdecken eröffnen kann, lässt sich derzeit im Willy-Brandt-Haus erleben. Seit kurzem, und noch bis zum 25. August, ist hier die Ausstellung SIBYLLE zu sehen, ein Rückblick auf die, wie es im Ankündigungstext heißt, „wohl bekannteste Mode- und Kulturzeitschrift der DDR“. Es ist ihre nunmehr fünfte Station. Zuvor war die SIBYLLE erst in Rostock, dann in Rüsselsheim, Cottbus und Dresden ausgestellt worden – und dabei geradewegs in den derzeit virulenten Diskurs um das mediale Erbe der DDR gelangt.

Die kulturgeschichtliche Bedeutung der Sibylle jedenfalls ist im Zuge ihrer reisenden Rückschau oft belegt worden.[1] 1956 gegründet, avancierte sie schnell zu einer der zentralen Frauenzeitschriften der DDR. Mit einer Auflage von rund 200.000 gedruckten Exemplaren, die im Rhythmus von zwei Monaten erschien, blieb sie zwar rein numerisch etwas hinter der einflussreichen Wochenzeitschrift Für Dich zurück. Doch war die Sibylle stets ausverkauft und mehr noch: In ihrem Umfeld versammelte sich das Who’s who der DDR-Fotografie, von Arno Fischer bis Ute Mahler, Sibylle Bergemann bis Roger Melis.

Ihnen gilt auch ein Gros der Ausstellung im Willy-Brandt-Haus, die eine reduzierte Version ihrer opulenten Vorgänger aus der Kunsthalle Rostock und den Opelvillen Rüsselsheim ist.
Die Ausstellung ist zweigeteilt. Der erste Abschnitt, in der Eingangshalle, ist der Sibylle selbst gewidmet. Im dritten Stock des Hauses hingegen, im eigentlichen Ausstellungsraum, sind Arbeiten von dreizehn führenden Fotograf*innen der Zeitschrift präsentiert. Unter ihnen sind hochklassige, ikonische Aufnahmen. Sie reichen von Fischers studioferner street photography etwa, mit der er früh zum „Spiritus Rector“[2] und „Nestor der Folgegenerationen“[3] der Sibylle-Fotografie wurde, bis hin zu Rudolf Schäfer, der schon 1978 mit seinen Aufnahmen von Models unterschiedlicher Hautfarben auf eigentümliche Weise die gegenwärtigen Debatten um kulturelle Repräsentationen vorwegzunehmen schien.

 

© Rudolf Schäfer (Sibylle 2/1987).
Die Bilder wurden dem Buch „Sibylle – Zeitschrift für Mode und Kultur, 1956 – 1995“ mit freundlicher Genehmigung des Verlages Hartmann Books entnommen.

 

Und doch ist der untere, kleinere Part der Ausstellung in gewisser Weise der interessantere. Denn während der Raum im dritten Stock eine klar ersichtliche Struktur hat – eine Aneinanderreihung ausgewählter Werkschauen –, ist die Ausstellung im Atrium ungleich eklektischer, ungerahmter – und damit auch offener und vielseitiger.

Dabei ist ihr Aufbau erst einmal ebenso stringent wie simpel. Entlang der zwei Außenwände des V-förmigen Foyers sind vergrößerte Seiten aus der Sibylle aneinandergereiht. Mal sind es Cover, mal Doppelseiten, bisweilen auch ganze Fotoreportagen. Ihre Anordnung ist chronologisch. Der Gang durch die Halle führt von der zweiten Hälfte der 1950er Jahre bis in die frühen 1990er. Doch – und hierin liegt gewissermaßen der kuratorische Kniff – ist den einzelnen Seiten nur selten anzusehen, aus welchem Jahr sie kommen und in welchem Kontext sie stehen.

Überhaupt ist die Einbettung der Ausschnitte äußerst spärlich. Eine einführende Tafel am Beginn der Ausstellung führt in wenigen Sätzen durch die Geschichte der Zeitschrift: Der schwungvolle Aufbruch, die anschließende ästhetische Etablierung, die experimentellen 1980er Jahre, schließlich der Einbruch in der freien Marktwirtschaft nach dem Mauerfall. Darüber hinaus hält sich die Ausstellung mit etwaigen Kontextualisierungen weitgehend zurück. Das grundlegende Dilemma der Sibylle, dass nicht nur sie selbst oft vergriffen war, sondern umso mehr die Mode, die sie anpries, wird beinahe beiläufig erwähnt. Auch das komplexe Verhältnis zur Abteilung Frauen des ZK der SED, der zuständigen Überwachungsbehörde, an deren Rändern sie agierte, ohne selbst ein „Dissidenten“-Blatt zu sein, wird nicht weiter ausgeführt. Kurzum: eine Gesellschaftsgeschichte erzählt SIBYLLE, die Ausstellung, nicht.

Man wird dies bedauern können, bietet die wechselhafte, bisweilen dramatische Geschichte der Zeitschrift doch mehr als genug Anhaltspunkte für eine Anbindung an große Narrative – zur Geschichte der Frauen, der Mode und Werbung in der Mangelwirtschaft oder den kulturpublizistischen Handlungsspielräumen in der Diktatur. Oder aber, man nimmt die Reduktion als Chance, nicht gleich bei etablierten Erzählungen Halt zu suchen und stattdessen offener, als es gemeinhin üblich sein mag, auf die Bilder selbst zuzugehen.

 

© Willi Altendorf (Sibylle 4/1958). 
Die Bilder wurden dem Buch „Sibylle – Zeitschrift für Mode und Kultur, 1956 – 1995“ mit freundlicher Genehmigung des Verlages Hartmann Books entnommen.

 

In ihrem berühmten Essay „Gegen Interpretation“ von 1964 wandte sich Susan Sontag mit viel Wut und Verve gegen die Kunstkritik ihrer Zeit. Allzu sehr, so ihr zentraler Vorwurf an ihre Zunft, habe sich die intellektuelle Kritik auf das hermeneutische Entschlüssen vermeintlich untergründiger Bedeutungen von Kunstwerken versteift. Indem die Kritik eine dubiose Trennung von Form und Inhalt in der Kunst voraussetze, würde diese selbst verzerrt, verfremdet, verkrustet und letztendlich zerstört werden.

Sontag rief dazu auf, die Paradigmen der Kunstkritik einmal umzudrehen und der Oberfläche selbst, dem also, was unmittelbar zu sehen, zu hören, oder zu lesen sei, mehr Gewicht beizumessen. Worauf es ankäme, das seien die Zeilen selbst – und nicht das, was vermeintlich zwischen ihnen hervorscheine. Um der „Arroganz der Interpretation“ zu begegnen, so Sontag, sei also zuerst einmal „ein verstärktes Interesse für die Form in der Kunst“[4] vonnöten. So schließlich könne ein Raum der Wirkung, der Irritation – und damit auch des Entdeckens und des neuartigen Erkenntnis entstehen. „Statt einer Hermeneutik“, schloss sie, „brauchen wir eine Erotik der Kunst.“[5]

Nun schrieb Sontag in ihrer messerscharfen Anklage gegen die klassische Interpretation nicht über Fotografie. Sie erwähnte sie mit keinem Wort. Vielmehr war es der Film, der ihr wie kein zweites Medium dazu geeignet schien, durch seinen schnellen Schnitt und seine unmittelbare Spannung selbst hartgesottenen Kritiker*innen an die Oberfläche zu binden, sie vor dem fatalen Abtauchen hin zu immer gleichen Bedeutungskammern zu bewahren. Doch lässt sich ihr Appell genauso gut auf die Lichtbildkunst übertragen, die ihre Betrachter*innen gleichsam an ihre Oberfläche bindet.

Die Ausstellung im Atrium jedenfalls lädt gerade hierzu ein, ja in Anbetracht der knappen Kontextualisierungen zwingt sie gerade dazu, auf der Suche nach Erkenntnis vom Bild selbst, nicht seinem Begleittext, auszugehen. Bald schon offenbaren sich so erstaunliche Eindrücke. Schließlich scheinen die Fotos oftmals selbst dort, wie die Deutungslinien allzu offen liegen, diese zu konterkarieren. Das Ende der DDR etwa, eine Zäsur von kaum zu überschätzender Bedeutung für die Sibylle, ist in den Fotografien kaum einmal zu erkennen. Oder genauer: nicht als Verfallsgeschichte. Denn während die Sibylle im vereinten Deutschland nie mehr Fuß fassen konnte, vergeblich um Abonnent*innen rang und letztlich in eine Spirale aus hoffnungslosen Verlagsübernahmen geriet, zeugen die Bilder erst einmal von einer ungebrochenen Experimentierfreude. Die Serie „Miami Heiß“ aus dem Frühjahr 1991, zu der Ute Mahler eigens nach Florida flog, um die Models vor der knalligen Kulisse von South Beach abzulichten, wäre ohne die Grenzöffnung zwar nicht möglich gewesen. Die mithin dramatischen Folgen, die sie für die die Macher*innen der Sibylle zweifelsohne mit sich brachte, mögen sie gleichsam in ein neues Licht zu stellen.

Das ist der große Gewinn der Rückschau. Sie lässt die Bilder – allesamt hochklassig, raffiniert und vielschichtig – für sich sprechen und eröffnet gerade so neuartige Perspektiven auf ihre Geschichte. Dass dies gelingt, ist umso überraschender, als dass der begleitende Katalog ein anderes Ziel verfolgt. Zwar versammelt auch er vorwiegend Fotografien aus der Zeitschrift, die die Herausgeberin Ute Mahler gemeinsam mit ehemaligen Redakteur*innen ausgewählt hat. Dazwischen aber möchte er gleichsam „Standardwerk der kulturhistorischen Aufarbeitung – und Erinnerung“[6] sein. Folglich finden sich nebst den gebührenden Portraits von Mitwirkenden auch eine umfassende Kontextualisierung der Sibylle entlang der klassischen politischen Zäsuren der DDR von Andreas Krase: Das Ende der kulturpolitischen Liberalisierung auf dem „Kahlschlag-Plenum“ des ZK von 1965, die „Biermann-Affäre“ elf Jahre später, schließlich der Mauerfall. Sie zeugt von den genauen Kenntnissen des Autors, sowohl von der Geschichte der Zeitschrift als auch ihrem gesellschaftshistorischen Umfeld.

Und doch ist es begrüßenswert, dass sich die Ausstellung selbst mit dergleichen Deutungsangeboten zurückhält. In einer Zeit, in der, wie nicht zuletzt die Auseinandersetzungen um die geschichtspolitische Agenda der Gedenkstätte Hohenschönhausen und ihres ehemaligen Leiters Hubertus Knabe belegt hat, die öffentliche Aufarbeitung der DDR-Geschichte selbst um die Pluralisierung ihrer Botschaften ringt, ist die Ausstellung ein willkommener und hoch aktueller Beitrag.[7] Knapp 25 Jahre nach ihrer insolvenzbedingten Stilllegung ist ihre Rückschau so mehr Aufbruch denn Abschluss. Der Sibylle wird das nur gerecht. 

 

Die Ausstellung SIBYLLE läuft vom 7. Juni bis 25. August, geöffnet Dienstag bis Sonntag 12 bis 18 Uhr im Willy-Brandt-Haus, Wilhelmstraße 140, 10963 Berlin; Eintritt frei, ein Ausweis ist erforderlich.

 

Begleitkatalog zur Ausstellung SIBYLLE

Sibylle – Zeitschrift für Mode und Kultur, 1956 – 1995“. Herausgegeben von Ute Mahler und der Kunsthalle Rostock. Stuttgart 2018. 

 

 


[1] Vgl. exemplarisch Annett Gröschner, Kleider vor bröseligem Beton, in: zeit.de vom 07.04.2017; Brigitte Werneburg, Kultivierte Randständigkeit, in: taz.de vom 29.8.2017; siehe zuletzt: Stephan Finsterbusch, Eine Spur von Glamour, in: FAZ.net vom 06.06.2019 [zuletzt aufgerufen am 8. Juli 2019].

[2] Andreas Krase, „Kumpels, Kohlen, Kapriolen“. 1956-1965, in: Ute Mahler und Uwe Neumann (Hrsg.): Katalog: Sibylle, Stuttgart 2017: Hartmann Projects Verlag, S. 35-38, hier: S. 37.

[3] Ulrich Ptak, „Sehen so unsere Menschen aus?“. Sibylle und die Modefotografie in der DDR, in: Ute Mahler und Uwe Neumann (Hrsg.): Katalog: Sibylle, Stuttgart 2017: Hartmann Projects Verlag, S. 286-289, hier: 287.

[4] Susan Sontag, Gegen Interpretation, in: Kunst und Antikunst. 24 literarische Analysen, München/Wien 1980: Carl Hanser, S. 9-18, hier: S. 17.

[5] Ebd., S. 18.

[6] Uwe Neumann, Vorworte, in: Ute Mahler und Uwe Neumann (Hrsg.): Katalog: Sibylle, Stuttgart 2017: Hartmann Projects Verlag, S. 8-9, hier: S. 8.

[7] Vgl. Ilko-Sacha Kowalczuk, Die Aufarbeitung der Aufarbeitung. Welche Zukunft hat die DDR-Geschichte, in: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H. 1/2019, S. 107-115.