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Archivpanorama BSTU

Foto: Panorama eines großen Archivraums des Stasi-Unterlagen-Archivs/BStU. Archivalien im Depot der Stasiunterlagenbehörde 7 – 360°, 18. Oktober 2018 von Maximilian Schönherr. Quelle: Wikimedia Commons. Lizenz: CC BY-SA 4.0.

Zur Gegenwart der DDR-Geschichte
Ein Essay
von
Ilko-Sascha Kowalczuk
Druckversion

Veröffentlicht am 18. März 2019

 

Aufarbeitung von Geschichte ist anders als die geschichtswissenschaftliche Analyse ein politischer Vorgang, eine Angelegenheit der Zivilgesellschaft. Die DDR-Aufarbeitung war mit dem Grundsatz angetreten, die Demokratie im Osten zu befördern. Manche Aufarbeiter*innen verkünden sogar etwas zu vollmundig, je besser man Diktatur begreife, umso besser könne man Demokratie gestalten. Demokratie ist ein Projekt, das keiner Negativfolie bedarf.
Aufarbeitung generell ist wichtig, keine Frage. Aber wie wichtig ist sie wirklich? Wer sollte das messen, einschätzen? Wen erreicht Aufarbeitung und vor allem, wen nicht? Man sollte sie nicht überschätzen, so wie man das Gewicht Einzelner dabei nicht überschätzen sollte. Es machen weder große Männer allein Geschichte noch schlanke Menschen allein Geschichtsaufarbeitung. Beide Gruppen glauben das allerdings gern.
In der DDR-Aufarbeitungslandschaft haben wir den merkwürdigen Umstand zu beobachten, dass in vielen Institutionen Personen Entscheidungen fällen, den Ton vorgeben, Verantwortung tragen, die dafür meist „nur“ durch ihre Biographie, nicht aber wegen einer professionellen Ausbildung in Museumsdidaktik, Geschichtspädagogik, Geschichts- oder Politikwissenschaften qualifiziert sind. Vor allem in den 1990er Jahren war es von hoher Bedeutung, dass Oppositionelle und Opfer der SED-Diktatur den kommunistischen und postkommunistischen Geschichtsmärchen ihre lebensgeschichtliche Wucht entgegenhielten. Aber die Revolution ist längst Geschichte. Die Kinder sind nicht entlassen worden, sondern eigentlich im Rentenalter.

 

Geschichte als politisches Kampfmittel

Die Aufarbeitung der SED-Diktatur in den 1990er Jahren stand ganz im Zeichen der Revolution. Endlich konnten mit Hilfe der Regime-Archive jene Geschichten und Biographien öffentlich gemacht werden, die zuvor brutal unterdrückt worden waren. Es ging nicht um Differenzierung, sondern um Anklage, Demaskierung, Entblößung, darum mit Geschichtsbildern zu bilden, etwas zu legitimieren, Demokratie zu befördern. Deshalb stehen Geschichtsaufarbeitung und Geschichtswissenschaft auch im Dauerclinch miteinander. Wenn letztere etwa Alltag und Gesellschaft in ihren vielschichtigen Erscheinungen differenziert analysieren will, so wirft ihr erstere Verharmlosung und Schönfärberei vor. Konzentriert sich die Aufarbeitung auf Opfer, Mauertote, Opposition und Widerstand, Haftanstalten und politische Justiz, bemängelt die professionelle Forschung, hier würde ein einseitiges Bild gemalt, das nur Schwarz und Weiß, aber keine Grautöne kenne.

In Deutschland wurde Geschichte nach 1990 zu einem extrem politischen Kampfmittel – und von allen Seiten intensiv benutzt. Neuartige Institutionen, parlamentarische Untersuchungsausschüsse und Kommissionen, eine neue Stiftung, zahlreiche Museen, Gedenkstätten und viele Vereine und Verbände bis hin zu Akten, die darüber entschieden, ob jemand zukunftstauglich sei oder nicht, ließen eine flächendeckende Aufarbeitungslandschaft entstehen. Millionen Menschen wurden überprüft, ob sie mit der Stasi zusammengearbeitet hatten. Nur diese eine Institution, das Ministerium für Staatssicherheit, schien interessant.

 

Aufarbeitung – ein westdeutsches Projekt?

Obwohl der Kampf um die Stasi-Akten ein Sieg ostdeutscher Bürgerrechtler*innen gegen gesamtdeutsche Schlussstrichbefürworter*innen darstellte und auch die Existenz der Gauck-Behörde nur ostdeutschen Aufarbeiter*innen zu verdanken war, wird die gesamte Aufarbeitung einschließlich der Stasi-Überprüfung im Osten überwiegend als eine westdeutsche Idee angesehen. Das kommt daher, dass die Eliten im Osten – egal welche – prinzipiell als Westdeutsche gelten. Ausnahmen gelten als irrelevant. Im Bereich der wissenschaftlichen Beschäftigung mit der Zeitgeschichte hat es kein*e Ostdeutsche*r geschafft, in diese Phalanx einzubrechen – nur Zufall? Nein, es war kein Zufall, wie ich erklären und zeigen könnte.
Was bedeutet es, wenn die (westdeutschen) Deutungs- und Erklärereliten ganz und gar überwiegend einen anderen Sozialisationshintergrund haben als jene Menschen, denen sie mittels Medien, Wissenschaft und Politik die Vergangenheit deuten und erklären sollen? Was folgt eigentlich aus dem Umstand, wenn die (kleine ostdeutsche) Aufarbeitungstruppe im Ganzen gesehen ganz andere Lebenswege, Lebenserfahrungen vorzuweisen hat als die große Mehrheit der Gesellschaft, die sie mit ihrer Aufarbeitung aufklären will? Und wer klärt die Aufarbeiter*innen über die „anderen“ auf? Sind sie die allwissenden Erzähler*innen? Fragen, die bisher kaum gestellt wurden; Fragen, auf die wir bislang keine überzeugende Antwort kennen. Fragen, die für viele irrelevant sind, also sagen wir mal präziser so: für die meisten Westdeutschen und für jene Ostdeutschen, die es „geschafft“ haben.

 

Ostdeutsche Irritationen

Die Irritationen in Ostdeutschland begannen nicht erst, als Westdeutsche notwendigerweise kamen und beim Aufbau im Osten tatkräftig mithalfen. Schon die Bürgerrechtsgruppen 1989 waren durchweg von mutigen Menschen gegründet worden, die aufgrund ihrer beruflichen Stellung in der DDR (Kirche) oder ihres Eintretens für Menschenrechte vor 1989 (Opposition) zu gesellschaftlichen Randgruppen zählten. Im Jahr 1989 wussten alle, wogegen sie waren. Ein Programm, wofür man sei, gab es nicht. Nie hat jemand jene gezählt, die 1989 nicht mitmachten. Es war die Mehrheit. Lohnte es heute nicht zu analysieren, warum schon die freie Wahl am 18. März 1990 so viele verstörende Ergebnisse zeitigte: Es verloren ja nicht nur die Sozialdemokraten und die Idealisten aus der DDR-Opposition, besonders bitter in Sachsen, es gewannen ja nicht nur das Geld und die schnellstmögliche Einheit, es gewannen vor allem jene, die, so sagen wir es heute, populistisch versprachen, die Landschaften würden schnell blühen und die Ostdeutschen würden in drei bis fünf Jahr leben wie die Westdeutschen. Es kam anders.

 

Das Scheitern einer integrativen Aufarbeitung

Historiker*innen verfolgen nicht die wissenschaftliche Aufgabe, Bilder zu entwerfen, in denen sich der*die Einzelne* wiederfindet. Die Aufarbeitung aber will Identifikationsangebote unterbreiten: Aufarbeitung als Mittel, um die Ostdeutschen in die bundesdeutsche Gesellschaft zu integrieren. Das hat nicht ganz geklappt – bis jetzt. Fast die Hälfte der Ostdeutschen kann sich aktuell vorstellen, die rassistische AfD zu wählen; und fast die Hälfte fühlt sich als Deutsche zweiter Klasse. Beide Gruppen sind nicht identisch, weisen aber größere Schnittmengen auf. So viel Kollektivismus im Osten gab es bisher noch nie. Das liegt natürlich nicht nur daran, dass die Aufarbeitung an ihren Ansprüchen scheiterte. Sie trägt aber Mitverantwortung, das ist für mich keine Frage. Ist die Aufarbeitung noch zu retten? Ja, natürlich! Sie muss sich nicht gänzlich neu erfinden. Aber sie sollte sich neu aufstellen.

Die Zukunft der DDR-Geschichte ist offen. Aufarbeitung kann Integrations- und Identifikationsangebote unterbreiten. Sie ist kein Allheilmittel. Aufarbeitung muss die Menschen dort abholen, wo sie stehen; nicht, wo die Aufarbeiter*innen stehen. „Täter“ und „Opfer“ sind keine geeigneten Kategorien, um eine Gesellschaft zu erklären, in der Wissenschaft ein Gemeinplatz, in der Aufarbeitung, in öffentlichen Veranstaltungen noch immer eine Provokation; noch weniger sind das geeignete Kategorien, um eine historische Gesellschaft Nachgeborenen zu erklären, nahezubringen.

 

Neue Perspektiven für die Zeiten vor und nach 1989

In einer sachgerechten Aufarbeitung müssen alle Erfahrungsräume Platz finden. Das Leben der Menschen vor und nach 1989 ist bei den meisten viel stärker miteinander verknüpft, als historische Epochenzäsuren vorgeben. Ostdeutschland ist nicht zu erklären als Ergebnis eines linearen Prozesses. Historische Entwicklungen seit dem 19. Jahrhundert, Prägungen durch den Nationalsozialismus und den SED-Kommunismus, die fehlende Aufarbeitung von Kolonialismus, Rassismus und Antisemitismus und der Transformationsprozess seit 1990 gehören in der Analyse zusammen und werden nicht ohne die Berücksichtigung der globalen Herausforderungen, der bundesdeutschen Versäumnisse in der Aufarbeitung (Rassismus, Kolonialismus) und der westdeutschen Vereinigungsmentalität, denen sich Ostdeutschland seit 1990 stellen musste, befriedigend ausfallen. In vielen Parametern kam es zu einer nachholenden Modernisierung, in anderen war Ostdeutschland auch Modellfall globaler Entwicklungen.

Und die geschichtswissenschaftliche Beschäftigung mit der kommunistischen Vergangenheit Europas? Müsste die auch etwas Neues wagen? Eine gesellschaftspolitische Relevanz im Osten konnte sie nie erringen, weil die westlichen Eliten sich weigerten, die Karrieretüren für andere Erwerbs- und Wissenschaftlerbiographien zu öffnen, als sie es gewohnt waren. Daran ist nichts mehr zu ändern. Vielleicht ist das auch gut so. Vielleicht konnte dadurch diese Wissenschaft schneller auf den ihr gebührenden gesellschaftlichen Ruheplatz rücken als unter anderen, von mir eher gewünschten Umständen. Sie stellt das wichtigste Korrektiv und den Referenzrahmen für die Aufarbeitung dar – leider nur idealtypisch, weil die Aufarbeitung nur in Ausnahmefällen von den Produkten und Debatten der Wissenschaften Notiz nimmt. Die Kraft der wissenschaftlichen Zeitgeschichte liegt in ihrer Ruhe, Abgeschiedenheit und Unbeirrbarkeit. Ihre Subventionierung steht in einem spannungsreichen Verhältnis zu ihrer schwachen Wirkung. Ihre Unabhängigkeit ist ihr größtes Manko – sie ist es nicht. Daran sollte sich etwas ändern. Als soziales System betrachtet wird es aber nicht geschehen.

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