von Helen Thein

  |  

3. Juli 2020

Auf einen Kaffee hat sich Johannes mit Undine verabredet, die noch nicht weiß, dass sie seine Exfreundin ist. Statt in Tränen auszubrechen und die unsinnige Warum-Frage zu stellen, erklärt Undine ihm ruhig: „Wenn du mich verlässt, muss ich dich töten. Das weißt du doch.“ Als wäre dies ein Naturgesetz und keine Morddrohung. In dem Mythos der Wasserfrauen ist der Tod des untreuen Mannes ein Naturgesetz. Wobei auch die Untreue der Männer im Mythos ein solches Naturgesetz ist. Und dass alle Männer Hans heißen – auch wenn anderes in ihren Pässen steht – weiß die Literaturgeschichte spätestens seit Ingeborg Bachmanns „Undine geht“ (1961). Auch Hans/Johannes in Christian Petzolds jüngstem Film „Undine“ wird sterben, wie es der Mythos um die Wasserfrauen verlangt. 

Christian Petzold, der in seinen Filmen oft willensstarke Frauen in den Mittelpunkt stellt, hat Ingeborg Bachmann sehr genau gelesen. Denn mit der Erzählung, die sich wie ein Pamphlet, eine Verwünschung, liest, ging ein Paradigmenwechsel einher. Zum ersten Mal wurde nicht über Wasserfrauen geschrieben, über ihre schwindelerregende Schönheit, ihre betörende Stimme – kurz über ihre (den Mann) wahnsinnig machende Sinnlichkeit –, sondern Undine selbst kam zu Wort.

Undine (Paula Beer) und Christoph (Franz Rogowski) in Undine von Christian Petzold, Deutschland, Frankreich 2020. Berlinale Wettbewerb. © Hans Fromm/Schramm Film

Die Abrechnung mit der Geschlechterdichotomie und ihren absurden Zumutungen fällt indes weit subtiler aus, als es der erste Lektüreeindruck vermuten lässt. Denn Bachmanns Undine spricht von der „nasse[n] Grenze zwischen mir und mir“ und schreibt damit den Konflikt, den ein absoluter Liebesanspruch im Alltagsleben bedeutet, in das Menschsein ein. Indem jedoch als die wahren Ungeheuer die Menschen angeklagt werden, die ihre Liebe und ihre Ideale verraten, kehrt Undine eine kulturgeschichtliche Zuschreibung in ihr Gegenteil, die besagt, dass Wasserfrauen, halb Fisch, halb Frau, Monster seien.

Johannes, gespielt von Jacob Matschenz, ist so ein Ungeheuer. Er wirft nicht nur die Liebe zu Undine leichtfertig weg, sondern wird im Laufe des Films auch die nächste Frau verraten. Er glaubt zu lieben und weiß doch nichts von Undine. Ihre Arbeit und Leidenschaften interessieren ihn nicht. Ganz anders Christoph (Franz Rogowski), den Undine in dem Café kennenlernt, in dem sie eben verlassen wurde. Gleich in den ersten Minuten rettet sie Christoph das Leben so wie später Christoph das ihrige. Sie sind sich ebenbürtig. Auch in der Unbedingtheit ihrer Liebe.

Silberner Bär für die Beste Darstellerin 2020: Paula Beer für ihre Rolle in Undine von Christian Petzold. © Sandra Weller/ Berlinale 2020

Christoph begehrt nicht nur Undines Körper, sondern auch ihren klugen Kopf. Paula Beer spielt diese Undine zurückhaltend, kühl und mit einer unbedingten Intensität, die jeden Bären rechtfertigt, auch den silbernen. Als Historikerin erklärt sie Fremden die Stadt Berlin, die so zu einem weiteren Akteur im Film wird, allerdings in der idealisierten, abstrakten Form von Stadtplanungsmodellen verschiedenster Zeitepochen, wie sie im Märkischen Museum Berlin zu finden sind. In den minutenlangen Vorträgen der Stadtführerin gerinnt Berlin zu einem Konzept, einer Idee, während der Film das Konzept der großen Liebe sinnlich individualisiert.

Leider verzichtet Petzold darauf, Berlin als Wasserstadt zu zeigen. Stattdessen verlagert er Christophs Arbeitsplatz – er ist Industrietaucher – ins Rheinland und in das Bergische Land. Dort begegnen sich Undine und Christoph unter Wasser, sind in ihrem Element. Die Unterwasseraufnahmen sind von zarter Leichtigkeit, auch wenn sie eindrücklich zeigen: der Mensch kann nur in Taucherausrüstung unter Wasser überleben. Er ist kein Wasserwesen. Wenn Undine ohne Sauerstoffflasche und Taucherbrille durchs Wasser gleitet, gehört sie nicht mehr zu den Lebenden. Sie ist zu einer Traumgestalt geworden.

Petzold, der einmal mehr mit dem Kameramann Hans Fromm zusammengearbeitet hat, erzählt seine Interpretation des jahrhundertealten Mythos in fließenden Bildern mit zum Teil überdeutlicher Symbolik. So steht am Beginn der Liebe zwischen Undine und Christoph ein herabstürzendes Aquarium, dessen freigesetztes Wasser die beiden gleichsam tauft. Die Taucherfigur, die zunächst im Aquarium steht, wandert von Christoph zu Undine und zurück. Wenn sie zwischendurch ein Bein verliert, ahnt man bereits, dass die Beine des Industrietauchers in Gefahr sind.

Nicht immer gelingt Petzold die Erzählung ohne Brüche. Da er auf mythische Überhöhung seiner Figuren verzichtet und Undine als intensiv liebende, aber doch rational agierende Person zeigt (natürlich hat sie keine Schwimmhäute zwischen den Fingern wie noch Romy Schneider als Leni in Orson Wells Verfilmung von Kafkas „Prozeß“), erklärt sich Undines Entschluss zum erweiterten Suizid nur bedingt. Auch erscheint es unglaubwürdig, dass Christoph, der zwischenzeitlich als hirntot eingestuft wird, wenig später wieder so weit hergestellt sein soll, dass er tauchen und Kinder zeugen kann.

„Zu loben“ aber ist, um im Vokabular von Ingeborg Bachmann zu bleiben, dass sich Petzold weigert, die Geschlechterdichotomie, die in den Wasserfrauengeschichten angelegt ist, zu bedienen. Bei ihm ist die Wasserfrau klug und sinnlich zugleich und ist der Mann begehrend und verlässlich. Daneben gibt es treulose und oberflächliche Männer wie Frauen. Die Differenz ist nicht mehr die zwischen Männern und Frauen, sondern die zwischen Unbedingtheit und Lebbarkeit. Christoph, der Überlebende, schickt sich in die Liebe zu einer Frau, von der er ein Kind erwartet. Allerdings tut er dies erst in dem Moment, in dem er mit Sicherheit weiß, dass Undine nicht mehr am Leben ist. Er bleibt sich treu und doch Teil der Menschenwelt.