von Sindy Duong

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8. März 2019

„Mikätzchen“ und „Besen-Geschwader“ – Lehrerinnen als Profiteure der Bildungsexpansion und des Lehrernotstandes?

 

„Mikätzchen“ schnurrten in den sechziger Jahren hundertfach durch die Klassenzimmer Nordrhein-Westfalens. Diese eilig zu Volksschullehrerinnen vorbereiteten Hausfrauen waren in den achtziger Jahren allerdings längst in Vergessenheit geraten, als ihre mittlerweile wesentlich besser qualifizierten Nachfolgerinnen als unbarmherzige „Doppelverdienerinnen“ durch Presse und Politik spukten. Was hatte sich innerhalb von nur zwei Dekaden verändert? Was war gleichgeblieben? Dass insbesondere Frauen betroffen vom Arbeitsplatzabbau sind, ist nicht überraschend. Aber wie verhielt es sich in einem akademischen Beruf, in dem die Beschäftigten ihre Stellen auf Lebenszeit innehatten? Welche Inklusions- und Exklusionsprozesse können in dem mittlerweile gemeinhin als „Frauenberuf“ etikettierten Lehrberuf rekonstruiert werden?

Kein anderer akademischer Beruf ist so anfällig für zyklische Wechsel von Überangebot und Nachfrage wie der Lehrberuf.[1] Umgangssprachlich bekannt geworden ist dieses Phänomen als „Schweinezyklus“. Eine ganz neue Größendimension erlebte dieser Zyklus in Folge der quantitativ beeindruckenden Bildungsexpansion der sechziger und siebziger Jahre. Der „Lehrermangel“ erschien damals sowohl als Ursache sowie als Begleiterscheinung der „Deutschen Bildungskatastrophe“: Einerseits drängten die geburtenstarken Nachkriegsjahrgänge in die Schulen, andererseits führten zahlreiche Reformmaßnahmen wie die Verlängerung der Schulzeit sowie die Bildungswerbung dazu, dass die Nachfrage nach Lehrpersonal noch weiter stieg. Die Kultusminister griffen auf zahlreiche Notmaßnahmen zurück. Im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen, mit der zu jener Zeit zweithöchsten Klassenfrequenz und dem größten Mangel an Lehrkräften, kam der dortige Kultusminister, Professor Paul Mikat, auf eine Idee, welche „die kulturpolitischen Gemüter erhitzt“:[2] Hausfrauen (teilweise auch Männer) mit Abitur oder Mittlerer Reife und relevanter Berufsausbildung sollten in einjährigen Schnellkursen zu Volksschullehrerinnen ausgebildet werden. Mikats Aufruf richtete sich insbesondere an „verheiratete Frauen, die von den Aufgaben in der Familie nicht mehr voll in Anspruch genommen werden“.[3] Die Idee der „Mikätzchen“ entstand allerdings in Niedersachsen, wo die Frauen in der Öffentlichkeit weniger liebevoll als „Besen-Geschwader“ und „Pädagogischer Volkssturm“ bezeichnet wurden.[4] Doch auch gegen die nach Mikat bezeichneten „Mikätzchen“ liefen die Lehrerverbände Sturm.[5] Dennoch begann das Programm 1963 mit etwa 2.000 Frauen (und fast 500 Männern), die zu Schuljahresbeginn 1964 bereits unterrichten konnten; weitere Samtpfoten-Bataillone folgten erfolgreich.[6] Die „Mikätzchen“ stehen damit repräsentativ für die vielen Aushilfslehrer*innen, die in der Bundesrepublik die Bildungsexpansion in den sechziger Jahren stemmten.

 

Feminisierung des Berufs vs. Feminisierung der Arbeitslosigkeit

 

Während – wie eine Journalistin rückblickend beschrieb – in den sechziger Jahren noch „jeder eingestellt wurde, der auch nur im entferntesten Ähnlichkeit mit einem Lehrer hatte“,[7] sollte sich dies bald ändern. Denn die Kultusminister setzten nicht nur auf ihre eigenen Versionen der „Mikätzchen“, sondern erhöhten die Zugänglichkeit und Attraktivität von Schule und Studium, indem sie die Besoldung erhöhten oder wie in NRW die Begabtensonderprüfung einführten.[8] Innerhalb von nur zehn Jahren verdreifachte sich so die Zahl der Lehramtsstudierenden auf knapp eine Viertelmillion im Jahr 1975.[9]

Der eingetretene Sogeffekt des Lehramtsstudiums und die sich verengenden öffentlichen Haushalte sorgten allerdings dafür, dass erstmals im Jahr 1975 in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland nicht alle ausgebildeten Lehrkräfte in den staatlichen Schuldienst übernommen wurden. Diese Situation verschärfte sich bis Mitte der achtziger Jahre und führte dazu, dass insbesondere Männer sich aus den Lehramtsstudiengängen zurückzogen. Der Anteil von Frauen unter den Lehramtsstudierenden stieg damit überproportional auf etwa 2/3 an.[10] Dabei blieb der Anteil von Frauen unter den Lehrkräften allerdings seit den frühen siebziger Jahren relativ konstant bei nur etwa 55 %,[11] wobei Frauen die typische Lehrkraft an Volks-, Grund- und Hauptschulen waren und Männer typischerweise an Höheren Schulen und Gymnasien unterrichteten.[12]
Es waren nicht die „Mikätzchen“, die nun in größerer Zahl arbeitslos wurden, sondern vielmehr die Schülerinnen und Schüler der ehemaligen „Mikätzchen“. Denn nach zwei Jahren praktischer Bewährungszeit hatten die „Mikätzchen“ die Möglichkeit bekommen, nach einem verkürzten Lehramtsstudium endgültig in den Schuldienst übernommen zu werden.[13] Auch in anderen Bundesländern wurden erfolgreiche Aushilfslehrer*innen verbeamtet.[14] Arbeitslose Lehrer*innen waren dagegen die Lehrer*innen, die nicht unmittelbar nach ihrem Studium in den öffentlichen Schuldienst aufgenommen wurden.[15] Arbeitslosigkeit war unter den Lehrkräften also eine Frage des gelungenen oder misslungenen Berufseinstiegs.

Unter den arbeitslosen Lehrkräften waren Frauen durchweg überrepräsentiert.[16] Die verantwortlichen politischen Stellen erklärten dies mit ungünstigen Fächerkombinationen oder der geringeren Mobilitätsbereitschaft.[17] Dem Lehramtsstudium haftete im Volksmund zudem noch der Makel der früheren Pädagogischen Hochschulen als „pädagogische[r] Heiratsmarkt“, als „Hausfrauen-Akademien“ und „Bundesbräuteschulen“ an, da es nicht wenige Studierende und ausgebildete Lehrerinnen gab, die ihre Studienkolleg*innen heirateten.[18] Jedoch finden sich auch persönliche Einzelfallschilderungen und nicht-repräsentative Untersuchungen, nach denen mit gleicher Note und gleicher Fächerkombination Männer bevorzugt eingestellt worden sind.[19] Der Realitätsgehalt dieser Quellen kann nicht zuverlässig beurteilt werden. Aber bereits Bundeswehr bzw. Ersatzdienst konnten bei der Studienplatzvergabe nach dem Numerus clausus angerechnet werden und zudem auch noch dazu beitragen, dass männliche Kandidaten aufgrund ihres Zeitverlustes als Härtefälle galten und somit bevorzugt in den Schuldienst eingestellt wurden.[20]

 

Und nun wieder zurück an den Herd. Kampf gegen das Doppelverdienertum

 

Die weiter ansteigende Arbeitslosigkeit von Lehrer*innen führte auch dazu, dass in den achtziger Jahren die „Doppelverdienerin“ wiederbelebt wurde. Diese hatte mit dem „Mikätzchen“ gemein, dass es sich in beiden Fällen um stigmatisierende Begriffe für die verheirateten Frauen der Berufsgruppe handelte. Diese waren noch ein relativ neues Erscheinungsbild.[21] Während die „Mikätzchen“ allerdings für ihre fehlende Ausbildung belächelt wurden, wurde der „Doppelverdienerin“ ihr fehlendes soziales Bewusstsein gegenüber den arbeitslosen Junglehrer*innen vorgeworfen, da sie durch die Berufstätigkeit ihres Ehemannes doppelt versorgt sei.

Durch das Beamtenwesen war es nicht möglich, bereits eingestellte Lehrer*innen zu entlassen. Aber mit einem „moralischen Appell“ konnten die Kultusminister bereits verbeamtete Frauen dazu bewegen, in Teilzeit zu gehen.[22] Überhaupt wurde für Beamt*innen 1980 die Möglichkeit geschaffen, Teilzeitarbeit nicht nur aus familiären, sondern auch aus arbeitsmarktpolitischen Gründen anzutreten.[23] Die hohe und weiter steigende Lehrer*innenarbeitslosigkeit hatte daran einen maßgeblichen Anteil. Insbesondere Frauen nahmen die Möglichkeit der Teilzeitbeschäftigung wahr: Ende der achtziger Jahre waren an Schulen nur 6 % des männlichen und die Hälfte des weiblichen Personals teilzeitbeschäftigt.[24]

 

Fazit: Die bewegliche Masse

 

Der Lehrberuf verdeutlicht die rasante und an vielen Stellen schwer kontrollierbare Expansion von Bildung und Wissenschaft in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. In dieser Situation eröffneten sich gerade für verheiratete Frauen neue Berufschancen. Die sich an die erhöhte Nachfrage anschließende Arbeitslosigkeit von Lehrkräften führte aber auch zu Versuchen, Akademikerinnen aus dem umkämpften Arbeitsmarkt Schule wieder zu verdrängen. Frauen waren in diesem Sinne eine bewegliche Masse am Arbeitsmarkt, die schnell und bedarfsgerecht hin- und hergeschoben werden konnten.
Der akute Lehrermangel der sechziger Jahre erinnert nicht zufällig an die aktuelle Situation und wie die Politik damit umgeht. Die Quereinsteiger*innen sind eine neue Variante der „Mikätzchen“. Dies zeigt, wie anfällig der Lehrberuf auch weiterhin für zyklische Wechsel von Überangebot an und Nachfrage nach Personal ist. Wie stark das Überangebot bzw. die Arbeitslosigkeit von Lehrkräften im nächsten Zyklus sein wird, ist offen. Welche Ausschlussstrategien es geben wird, auch.

 

 


[1] Vgl. insbesondere Hartmut Titze, Der Akademikerzyklus. Historische Untersuchungen über die Wiederkehr von Überfüllung und Mangel in akademischen Karrieren, Göttingen, 1990.
[2] Hildegard Hamm-Brücher, Auf Kosten unserer Kinder? Wer tut was für unsere Schulen – Reise durch die pädagogischen Provinzen der Bundesrepublik und Berlin, Hamburg, hier: S. 57 f.
[3] Merkblatt für Aushilfskräfte an Volksschulen des Landes Nordrhein-Westfalen. Anlage zu: Aushilfskräfte an Volksschulen; hier: Einrichtung und Durchführung von Modell-Lehrgängen. RdErl. d. Kultusministers Nr. 117 v. 12.11.1962 – II A 40 – 11/1 Nr. 3152/62, in: Amtsblatt des Kultusministeriums, Nr. 12/62, S. 243.
[4] Hamm-Brücher, Auf Kosten unserer Kinder?, hier: S. 41.
[5] Vgl. Ingrid Joester, „Mikätzchen“ – Behebung des Lehrermangels, in: Staatliche Archive des Landes Nordrhein-Westfalen (Hg.), Nordrhein-Westfalen. Ein Land in seiner Geschichte. Aspekte und Konturen 1946–1996, Aschendorff 1996, S. 395–399, hier: S. 395.
[6] Vgl. Hamm-Brücher, Auf Kosten unserer Kinder?, hier: S. 58; Joester, „Mikätzchen“, hier: S. 396. In den Jahren 1964 und 1967 wurde das Programm wiederholt.
[7] Jutta Wilhelmi, Pädagogen-Nachwuchs: Sind noch Lehrer zu retten? Wissenschaftler schlagen einen „Fiebiger-Plan“ für die Schulen vor, in: Die Zeit, Nr. 26/1986.
[8] Vgl. Rainer Bölling, Sozialgeschichte der deutschen Lehrer. Ein Überblick von 1800 bis zur Gegenwart, Göttingen 1983, hier: S. 163 f., 166; Joester, „Mikätzchen“, hier: S. 396 u. 399.
[9] Vgl. Peter Lundgreen (unter Mitarbeit von: Jürgen Schallmann), Datenhandbuch zur deutschen Bildungsgeschichte, Band XI: Die Lehrer an den Schulen in der Bundesrepublik Deutschland 1949-2009, Göttingen 2013, hier: S. 126.
[10] Vgl. Lundgreen, Datenhandbuch, hier: S. 126.
[11] Vgl. Lundgreen, Datenhandbuch, hier: S. 187 f.
[12] Vgl. Lundgreen, Datenhandbuch, hier: S. 202.
[13] Vgl. Hamm-Brücher, Auf Kosten unserer Kinder?, hier: S. 58.
[14] Vgl. Hilke Schlaeger, Mikätzchen oder Vollakademiker? Die Volksschullehrerausbildung in Deutschland, in: Die Zeit, Nr. 51/1965.
[15] Vgl. Lundgreen, Datenhandbuch, hier: S. 136.
[16] Ebd.
[17] Vgl. Gertrud Pfister, Die Feminisierung Pädagogischer Berufe in der Bundesrepublik Deutschland und in der DDR, in: Siegfried Baske (Hg.), Pädagogische Berufe in der Bundesrepublik Deutschland und in der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin 1990, S. 123–148; hier: S. 131.
[18] Ilse Gahlings u. Elle Moering, Die Volksschullehrerin. Sozialgeschichte und Gegenwartslage, Heidelberg 1961, hier: S. 143.
[19] Vgl. päd. extra. Magazin für Erziehung, Wissenschaft und Politik, „denn die Zeiten der Emanzipation sind eh‘ vorbei…“. Beispiele beruflicher und sozialer Diskriminierung, Nr. 1 (15. Januar 1976), S. 5–6, hier: S. 5; Pfister, Feminisierung, hier: S. 131.
[20] Ebd.
[21] Vgl. Gahlings u. Moering, Die Volksschullehrerin, hier: S. 145.
[22] Deutscher Bundestag, Kurzprotokoll der 9. Sitzung des Ausschusses für Bildung und Wissenschaft am 30. November 1983, hier: S. 19, BArch B 138/31759.
[23] Sigrid Quack, Dynamik der Teilzeitarbeit. Implikationen für die soziale Sicherung von Frauen, Berlin 1993, hier: S. 93 f.
[24] Vgl. Quack, Dynamik der Teilzeitarbeit, hier: S. 94.