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Mont Sainte-Odile, Alsace, France

Foto: Mont Sainte-Odile, Alsace, France 2009 von Mattana. Quelle: Wikimedia Commons. Public Domain.

„Alle reden und keiner hört zu“
Ein Gespräch mit der VHD-Vorsitzenden Eva Schlotheuber
von
Eva Schlotheuber
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ZOLSie sind seit 2016, seit dem Historikertag in Hamburg, Vorsitzende des Verbandes der Historiker und Historikerinnen Deutschland. Das ist eine einflussreiche und sicher zeitaufwändige Position, zudem weit entfernt vom Forschungsalltag. Wie sind Sie von Wissenschaft und Lehre in diesen eher repräsentativen Bereich der Geschichtswissenschaften gekommen?

 

ZOL: Wären Sie bereit, Ihre Wissenschaftlerinnenkarriere zu Gunsten einer wissenschaftspolitischen Tätigkeit zurücktreten zu lassen? Inwiefern sind Forschungstätigkeit und die Arbeit als Verbandsvorsitzende miteinander vereinbar?

 

ZOL: Sind Sie im Verlauf Ihrer beruflichen Laufbahn an die sogenannte „Gläserne Decke“ gestoßen?

 

ZOL: Inwiefern? Seit wann nehmen Sie diese Wandlung wahr?

 

 

ZOL: Haben Sie eine Idee, woran der Rückgang des Anteils der Wissenschaftlerinnen liegt?

 

ZOL: Was meinen Sie damit, dass „neue soziale Gruppen an die Universität“ kamen?

 

ZOL: Kann es sein, dass sich diese Gruppen jeweils aus sich selbst heraus rekrutieren? Wir haben doch gegenwärtig eine sehr homogene soziale Schicht in den Geisteswissenschaften.

 

ZOL: Zurück zur „Gläsernen Decke“. Sie haben gesagt: „...die sieht man erst auf der anderen Seite“. Wann gab es bei Ihnen den Wendepunkt, den Punkt, als Sie die „Gläserne Decke“ sahen?

 

ZOL: Wie nehmen Sie, vor dem Hintergrund Ihrer eigenen Biografie, die Vereinbarkeit von Familie und Forschung/Lehre in den Geisteswissenschaften heute wahr?

 

ZOL: Inwiefern beschäftigen Sie sich im VHD, der traditionell von Männern dominiert wird, mit Fragen der Chancengleichheit?

 

ZOL: Die Herausforderungen scheinen gegenläufige Tendenzen zu sein. So erreichen wir zwar Schritt für Schritt die 30%-Region auf allen Ebenen, gleichzeitig werden die Bedingungen der Arbeit in der Wissenschaft immer härter und damit die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für beide Geschlechter immer schwieriger. Das, was wir als „strukturelle Ungleichheit“ erkennen, müssen wir anscheinend auf anderen Wegen aufheben, denn der Wissenschaftsbetrieb sorgt genau für das Gegenteil: für eine Ökonomisierung, für eine Verdichtung der „Wissenschaftsarbeit“, das widerstrebt dem Wunsch nach Chancengleichheit. Haben Sie Ideen dazu?

 

ZOL: Was brauchen wir noch?

 

ZOL: Ich finde die Vokabel von der „Verdichtung“ ziemlich interessant und habe Sie so verstanden, dass Sie dafür plädieren, dass Zeiten außerhalb der genormten Berufsbiographie möglich sein müssen, ohne Karriere schädigend zu sein?

 

ZOL: Aber ist das nicht auch ein deutsches Phänomen? Wir haben in allen Bildungsberichten ein Problem hinsichtlich der „sozialen Frage“, also der Verteilung der Bildungschancen. Deutschland rangiert in der Chancenfrage regelmäßig auf den hinteren Rängen. Dieses Phänomen durchzieht alle Bereiche und erreicht schließlich auch die Hochschule. Auf Konferenzen fällt mir immer wieder auf, wie sozial homogen die Gruppe der Geisteswissenschaftler*innen ist. Der Weg der Mehrzahl ging ohne Aufenthalt von der Grundschule bis zur Promotion. Es gibt wenige Variationen der Karrierewege.

 

ZOL: Aber dann müssen ja auch die Universitäten und die wissenschaftlichen Einrichtungen einer jüngeren Generation entgegenkommen. Der Nachwuchs sollte die Möglichkeit erhalten, überhaupt Interessen zu entwickeln und gleichzeitig noch ein Leben außerhalb zu führen, ob mit oder ohne Kind. Gibt es innovative Pläne des VHD um dies, etwa mit Hilfe eines neuen Berufsbildes, zu ermöglichen? Welche Schwerpunkte, auch im Bereich der jüngeren Forscher*innengeneration, will der Verband bist zum nächsten Historikertag setzen?

 

ZOL: Es dreht sich immer um die Frage: Wie haben wir die Chance, innovativ zu bleiben und kreativ zu werden? Dazu gehört sicher eine andere Atmosphäre, die neue Bilder schafft und uns wegführt von vorgefertigten Karriere- und Habitusvorstellungen, mit denen Nachwuchswissenschaftler*innen oft schon ausgestattet sind. Wie kann man diese Bilder positiv neu besetzen oder unterlaufen? Wahrscheinlich müssten wir am Ort der Lehre anfangen, etwas zu verändern, etwa durch eine andere Seminargestaltung vielleicht auch durch die Idee „Wir gehen raus“. Denn da "draußen" entstehen die Fragen, mit denen wir uns in zwanzig Jahren beschäftigen werden. Was würden Sie vorschlagen für Ihre Lehre?

 

ZOL: Wir hatten vorhin schon einmal über das Mittelalter gesprochen. Und Sie hatten gesagt, dass es schon vor 500 Jahren Bestrebungen zur Erlangung von Chancengleichheit gab. Gibt es Aspekte in der mittelalterlichen Geschichte, vielleicht hinsichtlich der Interaktion spätmittelalterlicher geistlicher Frauengemeinschaften, von denen wir heute lernen könnten?

 

Das Gespräch mit Eva Schlotheuber wurde am 14. Januar 2019 von Sophie Genske, Annette Schuhmann und Rebecca Wegmann im Institut für Geschichtswissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin geführt. 

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