Frauen* in der Wissenschaft

Ein kritischer Blick auf Alltags- und Arbeitswelt von Frauen im akademischen Betrieb
Israel-Museum, Jerusalem, April 2022
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Israel-Museum, Jerusalem, 6. April 2022
(Foto: Annette Schuhmann)

Dieses Dossier erschien erstmals im März 2019 und wird seitdem jedes Jahr, jeweils zum 8. März, erweitert.

 

Die Gleichstellung der Geschlechter ist in der Bundesrepublik verfassungsrechtlich verankert. Seit knapp dreißig Jahren gibt es bundesweit Gesetze, die die Chancengleichheit von Männern und Frauen zumindest in staatlichen und kommunalen Institutionen garantieren sollen. Doch wirft man einen Blick auf den Frauenanteil unter allen Professor*innen an den fünfzig größten staatlichen Universitäten in Deutschland, wie es das ZEIT Magazin im Dezember 2018 getan hat, zeigen sich wenige wirklich frauenfreundliche Hochschulen, also solche, die über 30 Prozent Frauenanteil innerhalb der Professor*innenschaft vorweisen können. Der bundesweite Durchschnitt liegt gerade einmal bei 23 Prozent.
Das vom Deutschen Hochschulverband herausgegebene Webportal „Forschung & Lehre“ veröffentlichte im November 2020 die Ergebnisse eine Umfrage zum Thema Frauen in wissenschaftlichen Führungspositionen. An der Befragung nahmen insgesamt 50 Hochschulen teil: 18% der Dekanate werden von Frauen geführt, der Frauenanteil an Professuren lag auch 2020 noch bei durchschnittlich 25%.

Die Debatte um Gleichstellung und Diversität verläuft oft langsam und recht schwerfällig. Allein die Bezeichnung des in dieser Frage so wichtigen Ministeriums in Deutschland: „Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend“ gibt Anlass zu unzähligen Witzen, aber auch zu Unverständnis. Warum gibt es kein Ministerium für Gleichstellung und Diversität? Für ein solches Ministerium gäbe es in der gegenwärtigen Bundesrepublik genügend zu tun.

Gleichstellung ist kein Naturgesetzso die Bundesministerin des genannten Ministeriums, Franziska Giffey. Gleichstellung ist zudem weder selbstverständlich noch irreversibel, so Ursula von der Leyen in ihren politischen Leitlinien zur Gleichstellung der EU. Gleichstellung war nicht nur in der Bundesrepublik im Jahr 2020 ein wichtiges Thema, sondern auch das Leitthema der EU-Ratspräsidentschaft, die Deutschland Anfang Juli 2019 übernommen hat. Dazu liegt ein aktuelles Strategiepapier vor, dass den Rahmen bilden will, für die Arbeit der Europäischen Kommission auf dem Gebiet der Gleichstellung der Geschlechter, und die politischen Ziele und die wichtigsten Maßnahmen in dieser Frage für den Zeitraum 2020-2025 erklärt.

Wo liegen die Ursachen der Unterrepräsentanz von Frauen in höheren wissenschaftlichen Karrierestufen? In der soziologischen, geschichts- und politikwissenschaftlichen Literatur existieren ganze Regalmeter, die bei der Beantwortung dieser Frage helfen.

DFG-Präsident Peter Strohschneider betonte auf einem Workshop zum Thema Forschungsorientierte Gleichstellungsstandards im Oktober 2019, dass die Machtdimension der Gleichstellungsförderung offen angesprochen werden müsse: „Es geht um Macht und Einfluss, die Verteilung von finanziellen und symbolischen Ressourcen. Umso wichtiger ein Teil des Wissenschaftssystems sei, desto geringer sei auch der Anteil an Frauen.“

Wir haben für diesen Themenschwerpunkt im Jahr 2019 erstmals Wissenschaftler*innen befragt und führen ihn Jahr für Jahr weiter fort. Der Fokus liegt dabei auf unserem eigenen Fach, den Geschichtswissenschaften.
Herausgekommen sind vielschichtige Gespräche, in denen Frauen jeweils unterschiedlicher Generationen und Phasen ihrer Berufsbiographie ihre Erfahrungen im wissenschaftlichen Arbeitsalltag mit uns teilten. Alle vereint der Wunsch nach einem Kulturwandel im Wissenschaftsbetrieb: Er sollte weniger von Konkurrenz als von Teamgeist geprägt sein, es sollte die Möglichkeit geben, sich auch ohne passgenauen Lebenslauf in den Wissenschaftsbetrieb zu begeben, und Lebensbereichen, die sich außerhalb der Wissenschaft abspielen, sollte größere Wertschätzung entgegengebracht werden.

Der Kulturwandel den nicht nur Frauen in der Wissenschaft immer wieder diskutieren und fordern wurde schließlich auch in die Empfehlungen der Forschungsförderung aufgenommen. So etwa in den Forschungsorientierten Gleichstellungsstandards der DFG 2020. Darin heißt es:
Es „bestehen weiterhin Beharrungstendenzen, traditionelle Denkweisen sowie unbewusste Vorurteile, Stereotype und Rollenbilder („im- plicit biases“) auch im Wissenschaftssystem. So können beispielsweise unterschiedliche Bewertungen gleicher Leistung für Männer und Frauen oder begrenzte Netzwerke die (aktive) Rekrutierung von Wissenschaftlerinnen behindern.“ (S.12) Für einen nachhaltigen Kulturwandel, so die Empfehlungen, können verpflichtende Sensibilisierungsmaßnahmen, ein intensives Engagement der Leitungen und starke Gleichstellungsbeauftragte Erfolg versprechend sein.
Die Empfehlungen schließen mit einem recht deutlichen Appell: „Insgesamt ist weiterhin ein Kultur- und Bewusstseinswandel notwendig, um bestehende Strukturen aufzubrechen und Maßnahmen umzusetzen.“ (S. 23)

Wir werden Chancengleichheit, so die Erkenntnis all unserer Gespräche, nicht allein mit neuen Kennziffern erreichen. Was nicht heißt, dass „die Quote“ – zumindest in einer Übergangszeit – hilfreich wäre. Unsere Gesprächspartnerinnen bestätigten, dass sich innerhalb des Wissenschaftsbetriebes Veränderungen hin zu mehr Geschlechtergleichheit zeigen, aber, und auch darin waren sich alle einig: Es gibt noch viel zu tun. Denn es geht längst nicht mehr nur um die zahlenmäßige Erhöhung des Frauen*anteils, es geht neben dem inzwischen vielstimmig geforderten Strukturwandel im Wissenschaftsbetrieb, um intersektionale Chancengleichheit für Zugehörige aller strukturell benachteiligten Gruppen jenseits der Mann-Frau-Ebene – es geht um ein Klima, in dem diese Vielfalt gedeihen kann.

Die Herausforderungen an die Gleichstellungspolitik in Zeiten der Pandemie sind noch um ein Vielfaches gewachsen. Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung sprach in einem Gastkommentar in der ZEIT vom 12. Mai 2020 von einer „entsetzlichen Retraditionalisierung“ vor dem Hintergrund der Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung. Grund dafür sei die Übernahme der massiv gewachsenen Care-Arbeit vor allem durch Frauen in Zeiten von Corona und ein damit zusammenhängender Rückzug weiblicher Beschäftigter aus dem aktiven Arbeitsmarkt. Im Wissenschaftsbereich zeigt sich die Corona-Krise unter anderem an einem signifikanten und mittlerweile empirisch  belegten Rückgang der Publikationen von Frauen im Wissenschaftsbetrieb. Da die Anzahl der Publikationen in Bewerbungsverfahren noch immer von großer Relevanz bei der Entscheidung für oder gegen eine Bewerber*in ist, wird dies die Unterrepräsentanz von Frauen, so ist zu vermuten, in Leitungspositionen verstärken. 
Wir werden dies weiter beobachten, darüber berichten und mit Wissenschaftler*innen diskutieren.

Wie unsere Interviewpartner*innen in den zusammenfassenden Empfehlungen an den Nachwuchs betonen, muss weiter und mehr gefördert und ermuntert werden, aber auch die Nachwuchswissenschaftler*innen selbst können sich zusammenschließen und an der Schaffung neuer Netzwerke arbeiten. 
Wir danken allen Wissenschaftler*innen für ihre Bereitschaft, mit uns zu sprechen und sich noch dazu viel Zeit dafür zu nehmen!

Das Thema ist nicht nur am 8. März von großer Relevanz, sondern soll 365 Tage im Jahr sicht- und hörbar sein.

Zum  8. März 2023 senden wir einen Gruß an alle Frauen* und sind in Gedanken bei jenen, die in den Kriegsgebieten der Ukraine und im Verlauf der Proteste im Iran unvorstellbares durchmachen.

Wir empfehlen das Interview, das unsere Kollegin Svea Hammerle mit der Osteuropa-Historikerin Franziska Davies geführt hat.

Sophie Genske, Alina Müller, Rebecca Wegmann, Janaina Ferreira dos Santos und Annette Schuhmann

 


* Wir sprechen von Frauen und Männern als jeweils weiblich oder männlich gelesenen Menschen

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Beiträge im Dossier

Zitation

Sophie Genske, Rebecca Wegmann, Annette Schuhmann, Frauen* in der Wissenschaft. Ein kritischer Blick auf Alltags- und Arbeitswelt von Frauen im akademischen Betrieb, in: zeitgeschichte|online, , URL: https://zeitgeschichte-online.de/themen/frauen-in-der-wissenschaft