von Marcus Böick, Kerstin Brückweh

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18. März 2019

Vortragsanfragen zur ostdeutschen Transformationsgeschichte gibt es viele. Sie kommen zum Beispiel aus Ostdeutschland, Polen, Korea, Kroatien, Israel oder den USA, aber eher selten aus dem alten Westdeutschland. West-Ost-Brillen sind omnipräsent, gleichzeitig herrscht eine merkliche Unlust an sich ständig wiederholenden, auch intellektuell erschöpfenden Frage-Antwort- oder Täter-Opfer-Spielen. Wir können die Ost-West-Deutungskonflikte kleinreden oder wegwünschen, da sind sie trotzdem.

Die Sprache wird wieder rauer. Je größer die als westdeutsch wahrgenommene Ignoranz ist, desto dramatischer werden die Titel von überaus erfolgreichen Büchern oder Konferenzen. „Integriert doch erst einmal uns“ – „Kolonie Ost?“ sind hier zwei aktuelle Beispiele.
„Wo kommen Sie eigentlich her?“ Diese Frage kennen vermutlich alle, die zu Ostdeutschland forschen. Als ob wir als Historiker*innen in der Antike gelebt haben müssten, um zur Antike zu forschen. Oder anders formuliert: Haben ostdeutsche Forscher*innen, die über Ostdeutsche schreiben, qua Geburt eine höhere Legitimität? Oder sind sie womöglich zu sehr selbst emotional involviert?

Wohin soll das Skizzierte in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung über aktuelle Problemlagen führen? Darauf gibt unser Dossier keine Antwort. Hier wird vielmehr aus unaufgeregter Perspektive zu Beginn des Jubiläumsreigens eine erste Bestandsaufnahme der zeithistorischen Forschungen zur langen Geschichte von 1989/90 geboten. Ebenso kommen Stimmen außerhalb der historischen Zunft zu Wort, die ihre Eindrücke und ihre Erwartungen formulieren.
Die Beiträge bieten bereits ein breites Spektrum, das jedoch keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. In diesem Sinne sind auch weitere Beiträge in hohem Maße willkommen.

 


Einleitung

Kerstin Brückweh und Marcus Böick
Einleitung „Weder Ost noch West“ 

Räume: „Sonderfall Ostdeutschland?“


Florian Peters
Der Westen des Ostens
Ostmitteleuropäische Perspektiven auf die postsozialistische Transformation in Ostdeutschland

Angela Siebold
1989 und die Herausforderungen einer transnationalen, globalen Geschichte

Kerstin Brückweh
Haus ohne Grund
Wo „der Westen“ und „der Osten“ sich treffen

Forschungsberichte: Institutionen, Alltag, Ideen


Jutta Braun und Peter Ulrich Weiß
Topografie und Transformation: die Neuverortung des Potsdamer Stadtraums seit 1989

Ines Langelüddecke
Alter Adel - neues Land?

Christoph Lorke
Die Einheit als „soziale Revolution“

Ana Kladnik und Thomas Lindenberger und Mojmír Stránský und Steffi Unger
Weder Ost noch West – Zentral!(Europa!)

Wolf-Rüdiger Knoll
Möglichkeiten und Grenzen neuer zeithistorischer Forschungen zur Nachwendezeit am Beispiel der Treuhandanstalt

Frank Bösch
„Sonderfall Ostdeutschland?“

Methoden: Wie kann die Transformationsgeschichte erforscht werden?


Christopher Banditt
Quantitative Erforschung der ostdeutschen Transformationsgeschichte

Anja Schröter und Clemens Villinger
Anpassen, aneignen, abgrenzen: Interdisziplinäre Arbeiten zur langen Geschichte der Wende

Uta Bretschneider
Individuelle Umbruchserfahrungen und Transformationsgeschichte(n)

Annette Weinke
Von der „nachholenden Revolution“ in die „Vereinigungskrise“?

Raj Kollmorgen
,Exit West‘

Aufarbeitung: Rückblicke und Perspektiven


Christoph Links
Die Ergebnisse der Privatisierung einer ganzen Branche: Das Schicksal der ostdeutschen Verlage nach 1990

Paul Kaiser
Wechselnde Winde aus Ost und West

Sven Johne
Schwarze Löcher

Ulrich Mählert
Dreißig Jahre Friedliche Revolution - drei Jahrzehnte deutsche Einheit

Ilko-Sascha Kowalczuk
Zur Gegenwart der DDR-Geschichte

Christian Hirte
Aufarbeitung Ostdeutschland – Eine Standortbestimmung

Martina Münch
Die Relevanz der zeithistorischen Forschung

Vermittlung: Geschichtswissenschaft und Öffentlichkeit


Jörg Ganzenmüller und Christiane Kuller
Wie vermittelt man eine Transformationsgeschichte Ostdeutschlands?

Marcus Böick
Ein ostdeutsches „1968“?