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 Berlin-Mitte, Leipziger Straße-Bauarbeiten am Gebäude der Treuhandanstal

Foto: Berlin-Mitte, Leipziger Straße 5-7, Bauarbeiten am Gebäude der Treuhandanstalt, 22. Juli 1991 von  Joachim F. Thurn. Bundesarchiv B 145 Bild-F088842-0027. Quelle: Wikimedia Commons. Lizenz: CC BY-SA 3.0 de.

Möglichkeiten und Grenzen neuer zeithistorischer Forschungen zur Nachwendezeit am Beispiel der Treuhandanstalt
von
Wolf-Rüdiger Knoll
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Veröffentlicht am 18. März 2019

 

Die Folgen der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Transformation Ostdeutschlands sind in der jüngsten Zeit wieder verstärkt in den öffentlichen Fokus geraten.[1] Vor dem Hintergrund mehrerer ostdeutscher Landtagswahlen im Jahr 2019 wird medial zunehmend eine Aufarbeitung der als (Um-) Bruchszeit wahrgenommenen Periode der frühen 1990er Jahre gefordert. Als zentraler Akteur dieser Phase bietet eine Erforschung der Geschichte der Treuhandanstalt (THA) Zugänge, die sowohl für gesellschaftliche Debatten als auch für die zeithistorische Forschung neue Impulse geben können. Welche Quellen sind dafür besonders relevant, und inwiefern eignet sich die THA als Forschungsgegenstand?

 

Quellen der zeithistorischen Erforschung des ostdeutschen Wirtschaftsumbruchs

Aus dem zeitlichen Abstand zwischen den Ereignissen seit dem Herbst 1989 und der gegenwärtigen Erforschung ergibt sich, dass viele Protagonist*innen dieser Zeit noch leben und als Zeitzeug*innen für die Oral History zur Verfügung stehen (diese sollen zur Sprache kommen sowie ihre Erfahrungen, Eindrücke und Perspektiven in die Forschung einfließen lassen). Im Hinblick auf die ökonomische Transformation Ostdeutschlands erscheinen dafür nicht nur Gesprächspartner*innen aus der damaligen Bundesregierung und Ministerialbürokratie (also jene, die bisher in der Öffentlichkeit bereits häufiger zur Sprache gekommen sind), sondern gerade auch ostdeutsche Wirtschaftsfunktionäre und Fachleute (z.B. Kombinatsdirektoren, Belegschaftsvertreter*innen, Arbeitnehmer*innen) sowie handelnde Akteure aus der Verwaltung der neuen Länder interessant. Dies gilt sowohl auf lokaler Ebene (Bürgermeister*innen, Landrät*innen etc.), aber auch in der Sphäre der Landesregierung (Referent*innen, Abteilungsleiter*innen, Staatssekretär*innen, Minister*innen). Die Einbindung dieser Protagonist*innen beziehungsweise die Gegenüberstellung der unterschiedlichen Positionen bietet einen guten Zugang zum Verständnis der maßgeblichen zeitgenössischen Auseinandersetzungen sowie ihrer Deutung bis in die Gegenwart hinein.

Gerade im Hinblick auf die mündlich erzählte Geschichte von Zeitzeug*innen bleibt die Beschäftigung mit den schriftlich überlieferten Quellen zum Abgleich von Aussagen beziehungsweise zum Aufdecken von Widersprüchen, Auslassungen und/ oder Kontinuitäten der grundlegende wissenschaftliche Ansatz. Als vorteilhaft für die Forschung dürfte sich dabei das Ablaufen der allgemeinen 30-jährigen Schutzfrist für Archivgut des Bundes erweisen. Zahlreiche interne Vorgänge, Schriftwechsel, Protokolle und Auffassungen der Akteure in den einzelnen Ministerien und Verwaltungsbehörden können so in den kommenden Jahren verstärkt untersucht werden. Dies gilt ebenso für die Bestände der regionalen und der Landesarchive, die es bereits vielfach heute ermöglichen (entsprechend der jeweiligen Archivgesetze) Einblicke in die öffentliche Verwaltung der neuen Länder sowie deren maßgebliche Problemstellungen zu erhalten. Die ostdeutschen Landesarchive bieten hier hervorragende Möglichkeiten. Ergänzt werden diese Quellenzugänge durch die Erstellung von Editionen zu besonders relevanten Unterlagen und dieser Zeit. Genannt sei hier das Beispiel der Aktenedition zur Auswärtigen Politik der Bundesrepublik, welche nach Ablauf der 30-jährigen Schutzfrist in naher Zukunft die Umbruchsperiode und die, damit verbundene, internationale Wahrnehmung in den Fokus rücken wird.

Eine der technischen Entwicklung zu verdankende Verbesserung des Quellenzugangs stellt zudem die Nutzung digitaler Medienarchive dar, die in den vergangenen Jahren entstanden und in Teilen kostenfrei abrufbar sind. Gerade die mediale Begleitung der ökonomischen Situation der ostdeutschen Bundesländer lässt sich durch digitale Archive wie etwa die des SPIEGEL, der ZEIT, des NEUEN DEUTSCHLAND oder des HANDELSBLATT nachvollziehen. Zudem dienen die zahlreichen Artikel auch der Informationsgewinnung sowie der Analyse der zeitgenössischen Beurteilungen der Treuhandanstalt, die für die Privatisierung von 8.000 ehemals volkseigenen Betrieben der DDR mit über 4 Millionen Arbeitnehmer*innen zuständig war.

 

Die Treuhandanstalt als Beispiel für neue Beiträge zur zeithistorischen Forschung

Am 31.12.1994 verkündete die Präsidentin der THA, Birgit Breuel, demonstrativ das Ende der Arbeit der Treuhand. Wenngleich die Behörde ihre operative Arbeit als Bundesanstalt für vereinigungsbedingte Sonderaufgaben fortsetzte, hatten die Beteiligten gute Gründe, sie aus der öffentlichen Wahrnehmung möglichst schnell herauszunehmen und mit einem sperrigen Namen zu versehen. So galt die Treuhand bereits damals als „bestgehasste Organisation des Ostens“, die bis heute als erinnerungskulturelle „Bad Bank der Wiedervereinigung“ und „Traumatisierungsanstalt“ im kollektiven Gedächtnis der ostdeutschen Bevölkerung verankert ist, wie der Bochumer Zeithistoriker Marcus Böick jüngst feststellte.

Das Institut für Zeitgeschichte München-Berlin widmet sich in einem aktuellen Forschungsprojekt der Historisierung der Treuhandanstalt. Die einzelnen Teilprojekte betreten dabei im Hinblick auf die bereits erschienene Forschungsliteratur zwar kein Neuland, wie die Arbeiten des Konstanzer Verwaltungswissenschaftlers Wolfgang Seibel oder eben von Marcus Böick zeigen.[2] Neu im Forschungsprojekt ist allerdings der Zugang zu den Aktenbeständen der THA, die erstmals eine Darstellung des Innenlebens dieser Behörde ermöglichen. Die Akten, welche seit 2017 durch das Bundesarchiv erschlossen und der allgemeinen Benutzung zugänglich gemacht werden, ermöglichen eine detaillierte Beschäftigung mit dem Aufbau der Behörde, ihrer Funktionsweise und Personalstruktur. Zudem können zahlreiche Vorgänge und Entscheidungen anhand von Protokollen des Vorstandes und des Verwaltungsrates nachvollzogen werden. Aus den Unterlagen, zu denen auch der Schriftverkehr, Konzepte und Lageberichte gehören, ergeben sich für Historiker*innen vielfältige Räume, um die Tätigkeit der Treuhand zu de-mystifizieren. Ergänzt um die oben genannten weiteren Quellenzugänge bieten die Treuhandunterlagen darüber hinaus die Chance, dezidierte Branchen- und Strukturanalysen der transformierten ostdeutschen Wirtschaft vorzulegen sowie eine Verortung der Treuhand bzw. ihrer Wirkung im politischen Kräftefeld der Bundesrepublik vorzunehmen.

Das Projekt liefert damit einen Beitrag zum tieferen Verständnis der komplexen ökonomischen Vorgänge im Kontext der Wiedervereinigung. Fernab von pauschalisierenden Aussagen wie „Im Osten war alles marode“ und Wahrnehmungen von einem „gewollten Plattmachen“ durch die westdeutsche Politik beziehungsweise Wirtschaft können anhand der THA-Unterlagen und der oben genannten Quellen ost- wie westdeutsche Erfahrungsräume und Erwartungshorizonte als Ausgangspunkt des Einigungsprozesses herausgearbeitet werden. Wenngleich nicht erwartet werden kann, dass biographische Prägungen kollektiv umgedeutet werden, lassen sich so Enttäuschungen, aber auch gelungene Transformationsbeispiele konkret benennen, die den vielfach subjektiven Narrativen oder anekdotischen Evidenzen objektive Erkenntnisse gegenüberstellen und sodann im öffentlichen Diskurs argumentativen Eingang finden können.

 


[1] Siehe die Publikation der sächsischen Staatsministerin Petra Köpping: Integriert doch erst mal uns! Eine Streitschrift für den Osten, Berlin, 2018.
[2] Böick, Marcus: Die Treuhand. Idee – Praxis – Erfahrung 1990–1994. Göttingen 2018; Seibel, Wolfgang: Verwaltete Illusionen. Die Privatisierung der DDR-Wirtschaft durch die Treuhandanstalt und ihre Nachfolger 1990-2000. Frankfurt am Main 2005.

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