von Helen Thein-Peitsch

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18. Februar 2022

...aufrechts stehn, wenn andere sitzen
 

Die erste Szene des Films zeigt einen Sommernachmittag im Mauerpark. Jugendliche tanzen, lachen, trinken, umarmen sich und hören Livemusik. Aber auf der Tonspur ist nicht etwa Billie Eilish zu hören, sondern Bettina Wegner, die von einem Vöglein singt, das sie gerne wäre.
Allein wie das Volkslied mit den Bewegungen der feiernden Menge synchronisiert ist, zeugt von Witz und cineastischer Sorgfalt. Diese Szene deutet aber sogleich auch an, dass hier Dinge zusammengedacht werden, die scheinbar nicht zusammenpassen. So wie Jugendliche und ein altes deutsches Volkslied oder eine politische Liedermacherin und ein hedonistischer Sommertag. Es kommt eben auf die Perspektive an.
 

...Wind zu sein, wenn andre schwitzen

Lutz Pehnert hat seinen Film „Bettina“ über Bettina Wegner (*1947) in die zehn Gebote gegliedert, die sie 1992 selbst als Handlungsanweisung vertont hat. Der biblische Moralkodex bedurfte zwar durchaus einer Aktualisierung, Bettina Wegner aber hat die Gesetze nicht einfach neu übersetzt, sondern sie zugleich individualisiert und als Widerstandsprosa uminterpretiert – und damit ein Selbstporträt formuliert.
Der Dokumentarfilm nutzt diese Folie und spürt den widerständigen Charakter Bettina Wegners noch da auf, wo sie ganz angepasst scheint. Denn die im Jahr 1983 aus der DDR Ausgereiste wuchs weder in einem dissidentischen Umfeld auf noch rebellierte sie gegen ihr kommunistisches Elternhaus. Im Gegenteil, als Kind verehrte sie Stalin mehr, als es die Eltern taten die zwar einen kommunistischen Staat mit aufbauen wollten, aber auch um Freunde trauerten, die in Moskau verurteilt worden waren. Selbst noch in der Gerichtsverhandlung, in der Bettina Wegner 1968 wegen „staatsfeindlicher Hetze“ zu einer Freiheitsstrafe von 19 Monaten auf Bewährung verurteilt wurde, bekennt sie, von der Richtigkeit des Sozialismus überzeugt zu sein.
 

...lauter schrein, wenn andre schweigen

Mit dem Einmarsch der sowjetischen Truppen in die Tschechoslowakei im August 1968 konnte sie jedoch nicht einverstanden sein. Also warf sie nachts handgeschriebene Flugblätter in Briefkästen, obwohl, oder gerade weil sie alleinerziehende Mutter eines Säuglings war. Sie habe nicht trotz, sondern wegen des Kindes protestiert, erzählt die 73jährige im Filminterview. Falls ihr Sohn sie später gefragt hätte, habe sie nicht sagen wollen, sie hätte nichts gegen diese Ungerechtigkeit unternommen, auch wenn kein einziger Panzer von den wenigen Flugblättern die sie verteilt habe, aufgehalten werden konnte.
Es ist frappierend, im Gegenschnitt zur heutigen Bettina Wegner die Stimme der 20jährigen in der Gerichtsverhandlung zu hören, von der die Tonbänder erhalten geblieben sind. Die Angeklagte klingt wie ein Kind. Sie bekennt, getan zu haben, was ihr vorgeworfen wird, und erklärt naiv und sehr offen ihre Intentionen. Da probt eine nicht den Aufstand, sondern beharrt darauf, ehrlich bleiben zu wollen. Nicht lügen zu müssen.

Ihr Vernehmungsprotokoll habe sie im Verhör zuvor selber getippt, erzählt Bettina Wegner heute. Sie habe nicht mitansehen können, wie der Beamte, der sie befragen sollte, im Zweifingersuchsystem mit der Schreibmaschine haderte. Maschineschreiben hatte sie in ihrer Ausbildung zur Bibliotheksfacharbeiterin gelernt. Es mangelte ihr schon damals weder an Realitätssinn noch an Pragmatismus, aber eben auch nicht an Idealismus.

 

...beim Versteckspiel sich zu zeigen 

Mit der Verurteilung wurde Bettina Wegner vom Schauspielstudium exmatrikuliert und in die Produktion geschickt. Anschließend holte sie das Abitur nach und machte eine Gesangsausbildung. Zeitgleich wurde Erich Honecker zum Ersten Sekretär der SED gewählt, was eine Liberalisierung des kulturellen Lebens in der DDR versprach. Tatsächlich konnte sich Bettina Wegner Anfang der 1970er Jahre als Sängerin selbständig machen, als eine Sängerin wohlgemerkt, die ihre Musik und ihre Texte selber schreibt.

Das unterschied sie von Jazzsängerinnen oder auch Rockstars wie Tamara Danz, die fremde Texte interpretierten. Unversehens wirft der Film eine Frage auf, die er selber nicht stellt: Warum eigentlich, gibt es im deutschsprachigen Raum so wenige Liedermacherinnen in der Aufbruchsgeneration dieses Genres?
Franz Josef Degenhardt, Dieter Süverkrüp und Wolf Biermann haben in den 1960er Jahren das politische Lied populär gemacht. Die gut zehn Jahre jüngeren Hannes Wader, Konstantin Wecker und Reinhard Mey nahmen den Faden auf und sponnen ihn weiter. Rio Reiser und Hans Söllner im Westen oder Hans-Eckardt Wenzel und Gerhard Schöne im Osten haben in sehr unterschiedlicher Weise das Genre weiterentwickelt. Die Liste ließe sich seitenweise füllen. Nur nach Frauen müsste darauf mit der Lupe gesucht werden. Allenfalls Barbara Thalheim, im selben Jahr wie Bettina Wegner geboren und ebenfalls in der DDR aufgewachsen, konnte es zu einer gewissen Bekanntheit bringen. Erst in den letzten zwanzig Jahren gehören Liedermacherinnen unüberhörbar zu Szene. Was hat die, die es bestimmt gab, verstummen lassen oder aus der Erinnerung gestrichen?
Vorbilder hätte es in benachbarten Genres gegeben, etwa Lore Lorentz, Jahrgang 1920, die für ihr politisch-literarisches Kabarett bekannt war. Ein besonderes Merkmal war ihr spezifischer Sprechgesang. Daraus hätte sich eine weibliche Linie des politischen Liedes entwickeln können. Es wäre Zeit, diese Frauen (wieder) zu entdecken.

Wenn Lutz Pehnert Bettina Wegner immer wieder filmt, wie sie abseits von anderen Menschen in einer Ecke kauert und raucht, dann wirkt das wie ein Symbolbild für die  Pionierrolle, die sie als Liedermacherin in einer Szene voller Männer einnahm.

 

...nie als andrer zu erscheinen

Bereits als Jugendliche trat Bettina Wegner mit eigenen Liedern im Fernsehen auf. Eine Karriere als Schlagersängerin schien nicht völlig abwegig. Mit dem kanadischen Folksänger Perry Friedman kam dann aber die Hootennanny-Bewegung in der DDR an – und mit ihr ein amerikanisches Verständnis von Volksliedern, die eher eine Kommentierung der Gegenwart, denn als Reaktivierung der Vergangenheit darstellten. Von Woody Guthrie zu Bob Dylan (oder Joni Mitchell), vom Folksinger zum Songwriter, ist es kaum mehr ein Schritt. Folkmusik war in dieser Tradition eine Schule der Selbstermächtigung. So verstand sich auch der Hootenanny-Klub, der 1966 im Klub International in Berlin gegründet wurde. Als er ein Jahr später in „Oktober-Klub“ umbenannt wurde, zog sich Bettina Wegner daraus zurück. Da war allerdings die Liedermacherin in ihr schon angelegt.

Mitte der 1970er Jahre organisierte sie dann mit ihrem Ehemann, dem Schriftsteller Klaus Schlesinger, eine eigene Veranstaltungsreihe, den „Eintopp“, der zu Musik und Literatur, aber auch zu Diskussionen einlud. Als die Reihe staatlicherseits eingestellt wurde, betrieben die beiden noch einige Zeit den „Kramladen“. Doch dann kam das Jahr  1976 und damit die Ausbürgerung Wolf Biermanns.  Das Ehepaar Schlesinger/Wegner hatte wie viele andere Künstler*innen dagegen protestiert. Klaus Schlesinger wurde aus dem DDR-Schriftstellerverband ausgeschlossen und Bettina Wegner hatte zunehmend weniger Möglichkeiten aufzutreten.
Als gar nicht so kleine Nischen indes, boten sich die Kirchen und bot sich der Westen an. Im Jahr 1978 trat Bettina Wegner im Kreuzberger Künstlerhaus Bethanien auf. Kurz darauf wurde der Konzertmitschnitt beim renommierten Plattenlabel CBS veröffentlicht und machte sie schlagartig berühmt. Fortan sah man in ihr eine berlinernde Joan Baez. Daraufhin verbreitete sich ihr Ruhm auch in die DDR. Ein Jahr später spielte sie vor mehr als tausend Menschen in der Samariterkirche in Ost-Berlin. Wirklich leben aber konnte sie nur von ihren Auftritten im Westen, die ihr durch einen Pass mit Dauervisum ermöglicht wurden. Auf diesem scheinbar jovialen zugestandenem Weg wurde unliebsamen Künstler*innen der Ausweg aus der DDR gewiesen. Bettina Wegner aber wollte bleiben. Noch heute nennt sie die DDR ihre Heimat und bezeichnet alles, was geografisch außerhalb von Ost-Berlin liegt, als drüben. Erst, als ihr erneut eine Gefängnisstrafe angedroht wird, verlässt sie das Land.

 

...bei Verletzung nicht mehr weinen

Den unfreiwilligen Verlust der Heimat hat Bettina Wegner nicht verwunden. Zwar konnte sie endlich Platten aufnehmen, Bücher schreiben und vor allem auftreten, aber eben nicht für das Publikum, für das sie eigentlich schreiben und singen wollte. 1989 habe es zwar in ihr einen Moment der Hoffnung gegeben, dass eine veränderte DDR eine Option hätte gewesen sein können und sich vielleicht auch der Westen verändern ließe, aber das sei politisch naiv gewesen, sagt sie heute. "Für alles, was ich will und bin, hat sich kein Platz gefunden."

Lutz Pehnert lässt die berlinernde und kettenrauchende Sängerin ausreden und immer wieder auch beredt schweigen. Fragen oder Anmerkungen des Interviewers sind ausgeblendet, ein Gegenüber, ein Counterpart, ist nicht erkennbar. So wirkt der Film über lange Strecken, als führe Bettina Wegner Selbstgespräche oder auch, als würde sie der ganzen Welt erklären, warum ihr Leben so und nicht anders verlaufen ist.
Dazu gehören auch die Lieben in ihrem Leben. Einige davon sind berühmt. Thomas Brasch ist der Vater ihres ersten Sohnes, mit Klaus Schlesinger war sie zwölf Jahre lang verheiratet, mit Oskar Lafontaine einige Monate liiert. Seit 25 Jahren sei sie nun aber allein. Die Traurigkeit darüber ist ihr anzumerken, larmoyant wirkt sie deshalb nicht.

 

...Hoffnung haben beim Ertrinken

Ihr Ort ist die Musik. Und wer bislang gedacht hat, dass die Liedermacherei viel mit Sendungsbewusstsein und weniger mit Musikalität zu tun hat, den belehrt der Film eines Besseren. Denn er dokumentiert auch den Soundcheck für ein Livekonzert mit ihrer Begleitband L’Art de Passage und mit Karsten Troyke. Akribisch werden hier Tonhöhen und Einsätze notiert. Keine Note, so scheint es, wird der Improvisation überlassen.
Etwas zu kurz kommt in „Bettina“ allerdings ihr künstlerisches Werk der letzten 30 Jahre wie etwa die Interpretationen jüdischer Lieder, die 2003 auf CD erschienen.

 

...nicht im Wohlstand zu versinken

Ein großer Teil der Gespräche wurde im Privathaus von Bettina Wegner in Frohnau aufgenommen. Das Haus mutet an wie eine Datscha, gemütlich und provisorisch. Sie hatte es bezogen, als die Mauer noch stand und die naheliegenden Bahnschienen brachlagen. Inzwischen ist alles anders. Die Mauer trennt Berlin nicht mehr in zwei Teile und die idyllische Ruhe des Grundstücks wird so lautstark im Takt des Fahrplans von der S-Bahn durchschnitten, dass Gespräche unterbrochen werden müssen.
Reich, so scheint es, ist Bettina Wegner mit ihrer Kunst nicht geworden. Aber sie ist immer noch da.

 

...einen Feind zum Feinde machen

Am Ende von "Bettina" kommt der Film dann doch auf das Lied zu sprechen, das Bettina Wegner berühmt gemacht hat und dass sie deshalb Jahre lang nicht mehr spielen wollte: „Sind so kleine Hände“. Wer Liederschreiben als Lebenselixier begreift, möchte nicht auf nur ein Lied reduziert werden – auch wenn es eine so nachhaltige Wirkung hat wie dieses. Bettina Wegner hat seither den Ruf, sich für Kindeswohl einzusetzen, was weder ihr noch dem Lied gerecht wird. Denn es handelt letztlich von der Notwendigkeit des Widerstandsgeistes, was vor allem ein achtsames und respektvolles Miteinander voraussetzt. Mit der Reduzierung ihrer Botschaft auf (weibliche) Fürsorge konnte die politische Liedermacherin, das vermittelt der Film ohne es zu thematisieren,  entpolitisiert und damit entschärft werden.

Andererseits kann das Lied auch politisch missbraucht werden. So hat eine Band aus dem rechtsradikalen Lager aus den kleinen Kindern, die nicht geschlagen werden sollten, kleine deutsche Kinder gemacht werden, deren Blut zu schützen sei. Solche Vereinnahmungen lehnt Bettina Wegner entschieden ab und prozessierte mit Erfolg gegen die Naziband.
Die Band Daily Terror hingegen ließ sie gewähren. Die hatten das Lied auch umgedichtet und aus den kleinen Händen „kleine Biere“ gemacht, die nicht so schnell getrunken werden sollten. Diese freche Aneignung habe sie mit ihrem Lied versöhnt. Seitdem ihre Söhne ihr diese Punkversion vorgespielt haben, könne sie es selber auch wieder spielen.

 

...Solidarität mit Schwachen

Es ist eben eine wichtige Frage, mit wem man sich solidarisiert und von wem man sich nicht instrumentalisieren lassen will. Bettina Wegner ist sich, das zeigt der Dokumentarfilm eindrücklich, bis heute treu geblieben.
Im November wird sie 75 Jahre alt.
 

 

"Bettina" (Trailer)
Deutschland 2022. Regie und Buch: Lutz Pehnert. Mit Bettina Wegner. 107 Min.
Der Film ist noch am Sonntag (20.2./17.00 Uhr) im Rahmen der Berlinale-Sektion Panorama im Berliner Cubix-Kino zu sehen und kommt am 19. Mai in die Kinos.