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Kindergarten, Kinder beim Spiel ADN-ZB/Ludwig/18.2.88/Bez. Erfurt

Foto: Spielende Kinder in einem Kindergarten. Beobachtet im Kindergarten "Max und Moritz" in Tüttleben, Kreis Gotha, den Monique Gaudel (r.) und Michael Schlöffel besuchen, Februar 1988 von Jürgen Ludwig. Bundesarchiv, Bild 183-1988-0218-013. Quelle: Wikimedia Commons. Lizenz: CC BY-SA 3.0 de.

Wie vermittelt man eine Transformationsgeschichte Ostdeutschlands?
von
Jörg Ganzenmüller und Christiane Kuller
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Veröffentlicht am 18. März 2019

 

1. Erfahrung – Erinnerung – Vermittlung

Die Friedliche Revolution und die folgende Systemtransformation wurden von den Ostdeutschen als tiefer biographischer Einschnitt erlebt. Weite Teile ihrer Lebenswelt veränderten sich, einstige Sicherheiten waren auf einmal nicht mehr sicher. Dieser revolutionäre Wandlungsprozess wurde ganz unterschiedlich erlebt und gedeutet. Heute prägen die damaligen Erfahrungen den Rückblick auf diese Zeit. Es besteht ein Erinnerungskonflikt zwischen einem Revolutionsgedächtnis, das die demokratischen Errungenschaften hochhält, und einem Verlustgedächtnis, das den Umbruch als Zeit der Verunsicherung und enttäuschten Erwartungen abgespeichert hat und bis heute eine skeptische Haltung zur neuen politischen Ordnung einnimmt. Eng verklammert ist die jeweilige Deutung zudem mit unterschiedlichen Geschichtsbildern von der SED-Diktatur, deren wichtigste Quelle heute die Familie ist. Schule und Gedenkstätten spielen bei der Ausprägung von Geschichtsbildern hingegen eine deutlich nachgeordnete Rolle. Auch die jeweiligen Diktaturerfahrungen prägen also die Sicht auf die Transformation.

Die Urteilsbildung über die Transformationsphase basiert somit nicht nur beziehungsweise nur zu einem geringen Teil auf kritisch-reflektiertem Wissen, sondern überwiegend auf eigenen lebensweltlichen Erfahrungen, die vielfach auch im Familien­gedächtnis bewahrt und tradiert werden.[1] Jegliche historische Vermittlung der Transformationszeit steht deshalb vor der doppelten Herausforderung, auf tradierte Bilder von der SED-Diktatur aufbauen und zugleich den Anschluss an das bestehende zerklüftete Geschichtsbewusstsein finden zu müssen, wenn nicht eine Lücke zwischen öffentlicher Geschichtskultur und privater Erinnerung entstehen soll.

Daraus ergeben sich im Hinblick auf die universitäre Vermittlungsaufgabe unserer Ansicht nach vor allem zwei Schlüsse. Zum einen: Ohne ein erfah­rungsgeschichtliches Fundament wird es nicht gelingen, die Erinnerungskonflikte mit neuem historischem Wissen produktiv zu konfrontieren und zu einem selbstkritischen Hinterfragen liebgewonnener Überzeugungen anzuregen. Wenn die Zeitgenoss*innen ihre komplexen, oftmals ambivalenten Erfahrungen mit der Systemtransformation nicht mit den Befunden der Forschung in Einklang bringen können, dann wird die Transformationsforschung bald vor dem gleichen Problem stehen wie die DDR-Historiker*innen: Das kommunikative Gedächtnis und ein von öffentlichen Repräsentationen dominiertes kulturelles Gedächtnis werden sich dichotomisch gegenüberstehen.

Zum anderen: Historische Forschung muss in einen strukturierten Dialog mit Zeitzeug*innen und gesellschaftlichen Geschichtsakteur*innen eintreten – nicht nur Forschung „über“ Zeitzeug*innen, sondern „mit“ ihnen. Dialogformate müssen einen Austausch in Gang setzen, der nicht nur als Ergebnisvermittlung aus der Forschung in Richtung Gesellschaft funktioniert. Vielmehr geht es im Sinne einer „partizipativen Erinnerungsforschung“ gleichzeitig auch darum, Impulse und Wissensbestände aus außerwissenschaftlichen Bereichen ernst zu nehmen und von Anfang an mit in den Forschungsprozess einzuspeisen. Eine auf diese Weise eng mit gesellschaftlichen Debatten und erinnerungskulturellen Kontroversen verwobene Forschung hat, so steht zu hoffen, auch ein erhöhtes Potential für fruchtbare Diskussionen über die Ergebnisse auch jenseits des akademischen Elfenbeinturms.

 

2. Diktatur und Transformation als biografischer Erfahrungsraum

Nicht allein individuelle und kollektive Erfahrungen während der Transformationszeit selbst, sondern ebenso die biographischen Erfahrungen aus der DDR prägen die Erinnerung an die Nachwendezeit. Und das auf ganz unterschiedliche Weise: Die Haltung zu den Werten der SED, die Alltagserfahrungen in der späten DDR und die jeweilige Rolle in der Friedlichen Revolution erzeugten ganz unterschiedliche Erwartungen an einen Wandel in der DDR. Und diese Hoffnungen und Ängste bildeten die Folie, vor deren Hintergrund die Erfahrungen der Transformation gedeutet und biographisch verarbeitet wurden.

Die Periodisierung individueller Biographien erfolgt nicht zwangsläufig kongruent zu historischen Zäsuren. Es gab 1989 ebenso wenig wie 1945 eine Stunde Null. Eine Vermittlungsarbeit, die wissenschaftliche Forschung mit den Erfahrungen der Zeitgenoss*innen in Kontakt beziehungsweise Austausch bringen will, wird daher die Krise der späten DDR nicht von der Transformationszeit ablösen, sondern vielmehr eine Langzeitperspektive einnehmen und die Jahre von 1970 bis 2010 als eine erfahrungsgeschichtliche Einheit begreifen. Nur so lässt sich die Systemtransformation auch in die vielfachen Wandlungsprozesse jener Zeit einbetten, die nicht zuletzt von Deregulierungen, Arbeits­markt-Flexibilisierung und Digitalisierung aber auch von Europäisierung und Globalisierung geprägt und mit der Transformation in Ostdeutschland verflochten waren und sind.

 

3. Regional – national – europäisch

Die Geschichte der DDR wird von vielen Westdeutschen nach wie vor als Geschichte eines anderen Landes gesehen, die Systemtransformation als eine geschichtliche Erfahrung des Ostens. Transformationsgeschichte wird so zu einer ostdeutschen Regionalgeschichte. Eine solche Exotisierung ostdeutscher Erfahrungen wird nicht nur den Eindruck von knapp der Hälfte der Ostdeutschen, sie seien im vereinten Deutschland nur Bürger*innen zweiter Klasse, verfestigen und auf die folgenden Generationen übertragen.[2] Eine solche Sichtweise ist auch sachlich unangemessen, denn die Transformation hat nicht nur die neuen Bundesländer in einen Anpassungsprozess an westdeutsche Vorgaben gezwungen, sondern das vereinte Deutschland erlebte insgesamt eine „Kotransformation“, in der auch im Westen vereinigungsbedingte Veränderungen spürbar waren.[3] Erforschung und Vermittlung der Transformation sollte deshalb konsequent als eine gesamtdeutsche Verflechtungsgeschichte angegangen werden. Es wird nicht ausreichen, „den“ Ostdeutschen die Geschichte der Systemtransformation „neu“ zu erzählen, sondern es wird in ganz besonderer Weise darum gehen, allen Deutschen die Transformationsgeschichte als Teil ihrer eigenen Geschichte näher zu bringen.

Gleichzeitig sollte der besondere Fall der Systemtransformation in Deutschland in europäischer Perspektive gesehen und auch vermittelt werden. Dies ist nicht nur geboten, weil das östliche Europa vergleichbare Erfahrungen teilt, sondern weil sich der nationale Transformationsprozess mit einer zunehmenden europäischen Verflechtung verschränkt ist, und dieser wiederum Gesamtdeutschland betrifft. Auch zeigt sich, dass die gegenwärtigen nationalistischen und völkischen Neudeutungen von Revolution und Transformation ein europäisches Phänomen sind, welches wiederum Teil eines antiemanzipatorischen Angriffs auf die repräsentativen Demokratien Europas und des Westens ist.

 


[1] Heinrich Best u.a.: Politische Kultur im Freistaat Thüringen – Thüringen im 25. Jahr der deutschen Einheit. Ergebnisse des Thüringen Monitors 2015, [zuletzt abgerufen am 17. März 2019].
[2] Marion Reiser u.a.: Politische Kultur im Freistaat Thüringen – Heimat Thüringen. Ergebnisse des Thüringen Monitors 2018, [zuletzt abgerufen am 17. März 2019].
[3] Philipp Ther: Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent. Eine Geschichte des neoliberalen Europa, Berlin 2014, S. 279-305.

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