von Yves Müller, Dominik Rigoll

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23. Oktober 2019

Nachdem die Zeitgeschichtsschreibung die Erforschung des Rechtsextremismus in beiden deutschen Staaten lange Zeit weitgehend den Politik- und Sozialwissenschaften sowie Journalist*innen und zivilgesellschaftlichen Projekten überlassen hat, scheint sich dies seit dem Einzug der AfD in den Bundestag geändert zu haben. Seit Herbst 2017 ist kaum ein Monat vergangen, ohne dass sich Zeithistoriker*innen zur Geschichte – und damit auch zur Gegenwart – der extremen Rechten zu Wort melden. Sie äußern sich in Form von Gastbeiträgen, Kolumnen, Interviews, Rezensionen, Überblickdarstellungen, Ausstellungen und Essays. Am Rande des vergangenen Historikertages in Münster wurde nach intensiven Debatten sogar eine von den Historiker*innen Petra Terhoeven und Dirk Schumann initiierte Resolution des Verbandes der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD) verabschiedet, die sich gegen das spürbare Erstarken der extremen und populistischen Rechten wandte.

Empirische historische Forschungen zur extremen Rechten in ihren vielfältigen Erscheinungsformen wurden in Münster allerdings noch kaum präsentiert. Dies soll sich für die Zukunft ändern: Vielfach sind Dissertationen und Post-Doc-Projekte zur Geschichte des Rechtsextremismus oder verwandter Phänomene im Entstehen, aber auch studentische Abschlussarbeiten zum Thema erfreuen sich aktuell großer Beliebtheit.

Ein Workshop über „Rechtsextremismus als Gegenstand der Zeitgeschichte“, der sich zum Ziel gesetzt hat, die zur extremen Rechten arbeitenden Zeithistoriker*innen mit Forschenden anderer Fachdisziplinen sowie Expert*innen aus nicht-akademischen Einrichtungen zusammenzubringen, um einige der neuen Projekte zu diskutieren, fand am 1. Februar 2019 am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam (ZZF) statt. Organisiert wurde er von den Autoren dieser Einführung gemeinsam mit Sebastian Bischoff, Anke Hoffstadt und Christoph Schulze. Der Workshop sollte sowohl das Phänomen des Rechtsextremismus selbst als auch seine politische und wissenschaftliche Konstruktion als Gegenstand für die Zeitgeschichtsforschung umreißen. Außerdem wurde ein Zeithistorischer Arbeitskreis extreme Rechte ins Leben gerufen. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, künftig als Netzwerk und Wissensressource zu fungieren. Neben kleineren Workshops steht die Etablierung einer jährlichen Tagung im Zentrum der Arbeit.

Die Workshop-Beiträge bilden den Grundstock dieses offenen Themenschwerpunkts. Ergänzt werden die verschriflichten Vorträge durch weitere Aufsätze. Wie schon die Veranstaltung selbst soll auch dieser Themenschwerpunkt sowohl Forschende als auch die interessierte Öffentlichkeit in die Lage versetzen, sich einen Überblick über das gerade entstehende und zugleich rasch wachsende Feld der zeithistorischen Rechtsextremismusforschung zu verschaffen.

Gerne möchten wir an dieser Stelle die Gelegenheit nutzen, allen Autor*innen dieses Schwerpunkts zu danken. Des Weiteren gilt unser Dank Frank Bösch und dem Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam sowie der Stiftung Zeitlehren für ihr Engagement bei der Durchführung des Workshops. Unser besonderer Dank gilt Lutz Niethammer für sein wertschätzendes Interesse und die Bereitschaft, uns Rede und Antwort zu stehen.

Beiträge

Dominik Rigoll

Antinazistische Sicherheitspolitik in Westdeutschland, 1945-1960

Sarah Schulz

​​​​​​​Der Aufstieg der NSDAP in Ernst Fraenkels Buch über den „Doppelstaat“ und im SRP (Sozialistische Reichspartei)-Verbotsurteil des Bundesverfassungsgerichts

Laura Haßler

Rechtes Liedgut im Liederbuch der Bundeswehr seit den 1950er Jahren

Christoph Schulze

Das Beispiel des Rechtsrocks im Land Brandenburg

Henrike Voigtländer

Frauen in der Neonaziszene der DDR und die Akten der Staatssicherheit