von Sophie Genske, Rebecca Wegmann, Annette Schuhmann

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8. März 2021

Die Gleichstellung der Geschlechter ist in der Bundesrepublik verfassungsrechtlich verankert. Seit knapp dreißig Jahren gibt es bundesweit Gesetze, die die Chancengleichheit von Männern und Frauen zumindest in staatlichen und kommunalen Institutionen garantieren sollen. Doch wirft man einen Blick auf den Frauenanteil unter allen Professor*innen an den fünfzig größten staatlichen Universitäten in Deutschland, wie es das ZEIT Magazin im Dezember 2018 getan hat, zeigen sich wenige wirklich frauenfreundliche Hochschulen, also solche, die über 30 Prozent Frauenanteil innerhalb der Professor*innenschaft vorweisen können. Der bundesweite Durchschnitt liegt gerade einmal bei 23 Prozent.
Das vom Deutschen Hochschulverband herausgegebene Webportal „Forschung & Lehre“ veröffentlichte im November 2020 die Ergebnisse eine Umfrage zum Thema Frauen in wissenschaftlichen Führungspositionen. An der Befragung nahmen insgesamt 50 Hochschulen teil: 18% der Dekanate werden von Frauen geführt, der Frauenanteil an Professuren lag auch 2020 noch bei durchschnittlich 25%. 

 

Die Debatte um Gleichstellung und Diversität verläuft oft langsam und recht schwerfällig. Allein die Bezeichnung des in dieser Frage so wichtigen Ministeriums in Deutschland: „Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend“ gibt Anlass zu unzähligen Witzen, aber auch zu Unverständnis. Warum gibt es kein Ministerium für Gleichstellung und Diversität? Für ein solches Ministerium gäbe es in der gegenwärtigen Bundesrepublik genügend zu tun.

Gleichstellung ist kein Naturgesetzso die Bundesministerin des genannten Ministeriums, Franziska Giffey. Gleichstellung ist zudem weder selbstverständlich noch irreversibel, so Ursula von der Leyen in ihren politischen Leitlinien zur Gleichstellung der EU. Gleichstellung war nicht nur in der Bundesrepublik im Jahr 2020 ein wichtiges Thema, sondern auch das Leitthema der EU-Ratspräsidentschaft, die Deutschland Anfang Juli 2019 übernommen hat. Dazu liegt ein aktuelles Strategiepapier vor, dass den Rahmen bilden will, für die Arbeit der Europäischen Kommission auf dem Gebiet der Gleichstellung der Geschlechter, und die politischen Ziele und die wichtigsten Maßnahmen in dieser Frage für den Zeitraum 2020-2025 erklärt.

Wo liegen die Ursachen der Unterrepräsentanz von Frauen in höheren wissenschaftlichen Karrierestufen? In der soziologischen, geschichts- und politikwissenschaftlichen Literatur existieren ganze Regalmeter, die bei der Beantwortung dieser Frage helfen.

DFG-Präsident Peter Strohschneider betonte auf einem Workshop zum Thema Forschungsorientierte Gleichstellungsstandards im Oktober 2019, dass die Machtdimension der Gleichstellungsförderung offen angesprochen werden müsse: „Es geht um Macht und Einfluss, die Verteilung von finanziellen und symbolischen Ressourcen. Umso wichtiger ein Teil des Wissenschaftssystems sei, desto geringer sei auch der Anteil an Frauen.“

Wir haben für diesen Themenschwerpunkt im Jahr 2019 erstmals Wissenschaftler*innen befragt und führen ihn Jahr für Jahr weiter fort. Der Fokus liegt dabei auf unserem eigenen Fach, den Geschichtswissenschaften.
Herausgekommen sind vielschichtige Gespräche, in denen Frauen jeweils unterschiedlicher Generationen und Phasen ihrer Berufsbiographie ihre Erfahrungen im wissenschaftlichen Arbeitsalltag mit uns teilten. Alle vereint der Wunsch nach einem Kulturwandel im Wissenschaftsbetrieb: Er sollte weniger von Konkurrenz als von Teamgeist geprägt sein, es sollte die Möglichkeit geben, sich auch ohne passgenauen Lebenslauf in den Wissenschaftsbetrieb zu begeben, und Lebensbereichen, die sich außerhalb der Wissenschaft abspielen, sollte größere Wertschätzung entgegengebracht werden.

Der Kulturwandel den nicht nur Frauen in der Wissenschaft immer wieder diskutieren und fordern wurde schließlich auch in die Empfehlungen der Forschungsförderung aufgenommen. So etwa in den Forschungsorientierten Gleichstellungsstandards der DFG 2020. Darin heißt es:
Es „bestehen weiterhin Beharrungstendenzen, traditionelle Denkweisen sowie unbewusste Vorurteile, Stereotype und Rollenbilder („im- plicit biases“) auch im Wissenschaftssystem. So können beispielsweise unterschiedliche Bewertungen gleicher Leistung für Männer und Frauen oder begrenzte Netzwerke die (aktive) Rekrutierung von Wissenschaftlerinnen behindern.“ (S.12) Für einen nachhaltigen Kulturwandel, so die Empfehlungen, können verpflichtende Sensibilisierungsmaßnahmen, ein intensives Engagement der Leitungen und starke Gleichstellungsbeauftragte Erfolg versprechend sein.
Die Empfehlungen schließen mit einem recht deutlichen Appell: „Insgesamt ist weiterhin ein Kultur- und Bewusstseinswandel notwendig, um bestehende Strukturen aufzubrechen und Maßnahmen umzusetzen.“ (S. 23)

Wir werden Chancengleichheit, so die Erkenntnis all unserer Gespräche, nicht allein mit neuen Kennziffern erreichen. Was nicht heißt, dass „die Quote“ – zumindest in einer Übergangszeit – hilfreich wäre. Unsere Gesprächspartnerinnen bestätigten, dass sich innerhalb des Wissenschaftsbetriebes Veränderungen hin zu mehr Geschlechtergleichheit zeigen, aber, und auch darin waren sich alle einig: Es gibt noch viel zu tun. Denn es geht längst nicht mehr nur um die zahlenmäßige Erhöhung des Frauen*anteils, es geht neben dem inzwischen vielstimmig geforderten Strukturwandel im Wissenschaftsbetrieb, um intersektionale Chancengleichheit für Zugehörige aller strukturell benachteiligten Gruppen jenseits der Mann-Frau-Ebene – es geht um ein Klima, in dem diese Vielfalt gedeihen kann.

Die Herausforderungen an die Gleichstellungspolitik in Zeiten der Pandemie sind noch um ein Vielfaches gewachsen. Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung sprach in einem Gastkommentar in der ZEIT vom 12. Mai 2020 von einer „entsetzlichen Retraditionalisierung“ vor dem Hintergrund der Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung. Grund dafür sei die Übernahme der massiv gewachsenen Care-Arbeit vor allem durch Frauen in Zeiten von Corona und ein damit zusammenhängender Rückzug weiblicher Beschäftigter aus dem aktiven Arbeitsmarkt. Im Wissenschaftsbereich zeigt sich die Corona-Krise unter anderem an einem signifikanten und mittlerweile empirisch  belegten Rückgang der Publikationen von Frauen im Wissenschaftsbetrieb. Da die Anzahl der Publikationen in Bewerbungsverfahren noch immer von großer Relevanz bei der Entscheidung für oder gegen eine Bewerber*in ist, wird dies die Unterrepräsentanz von Frauen, so ist zu vermuten, in Leitungspositionen verstärken. 
Wir werden dies weiter beobachten, darüber berichten und mit Wissenschaftler*innen diskutieren.

Wie unsere Interviewpartner*innen in den zusammenfassenden Empfehlungen an den Nachwuchs betonen, muss weiter und mehr gefördert und ermuntert werden, aber auch die Nachwuchswissenschaftler*innen selbst können sich zusammenschließen und an der Schaffung neuer Netzwerke arbeiten. 
Wir danken allen Wissenschaftler*innen für ihre Bereitschaft, mit uns zu sprechen und sich noch dazu viel Zeit dafür zu nehmen!

Das Thema ist nicht nur am 8. März von großer Relevanz, sondern soll 365 Tage im Jahr sicht- und hörbar sein.
Zum heutigen 8. März 2021 ein Gruß an alle Frauen

 

Sophie Genske, Annette Schuhmann und Rebecca Wegmann am 8. März 2021

 

 

Zu den Artikeln

 

 

Zu den Interviews 2019

 

Ziel sollte es sein, Chancengleichheit für alle „Ungleichen“ herzustellen
Interview mit Josephine Bürgel, Stellvertreterin der zentralen Frauenbeauftragten der FU

 

Hacker- und Haecksenräume. (Unsichtbare) Frauen in der Computergeschichte des 20. Jahrhunderts
Interview mit Julia Erdogan, assoziierte Doktorandin am Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam

 

Über das Promovieren mit Kindern
Interview mit Janine Funke, assoziierte Doktorandin am Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam

 

Ein jegliches hat seine Zeit
Interview mit Anna Kaminsky, Geschäftsführerin der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur

 

Über das Zusammenspiel von struktureller Ausgrenzung und individuellen Handlungsweisen 
Interview mit Teresa Koloma Beck, Professorin für Soziologie der Globalisierung an der Universität der Bundeswehr München

 

Von égalité sind wir auch jenseits des Rheins entfernt!
Interview mit Mareike König, Abteilungsleiterin Digital Humanities am Deutschen Historischen Institut Paris

 

Vom Verändern des Systems aus dem System heraus
Interview mit Sabine Kunst, Präsidentin der Humboldt-Universität zu Berlin

 

Wir sollten immer das Ziel verfolgen, uns dem Ideal anzunähern
Interview mit Simone Lässig, Direktorin des GHI Washington

 

Diese Empörung braucht es!
Interview mit Sylvia Necker über Ihre Erfahrungen als Gleichstellungsbeauftragte am Institut für Zeitgeschichte in München

 

Ich frage mich, ob diese Frage auch Männern* gestellt würde.“
Promovierende am Zentrum für Zeithistorische Forschung in Postdam zur Chancengleichheit

 

Alle reden und keiner hört zu
Interview mit der VHD-Vorsitzenden Eva Schlotheuber

 

Still missing women in academia?
Interview mit Carla Schriever, Gründerin von fem4scholar

 

Die Hälfte-vom-Kuchen-Strategie
Interview mit Annette Vowinckel, Abteilungsleiterin am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

 

Frau Maskell wäre auch heute noch eine Ausnahmeerscheinung.
Interview mit Sybille Wüstemann, Leiterin Pressearbeit und Veranstaltungsmanagement der Gerda Henkel Stiftung

 

Über das Jonglieren im „Gläsernen Kasten“
Interview mit Lale Yildirim, Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Arbeitsbereich Didaktik der Geschichte am Friedrich-Meinecke Institut der Freien Universität Berlin

 

Netzwerke aufbauen, nach vorne gehen und sagen: Ich bin die Richtige für diesen Job!
Interview mit Irmgard Zündorf, Koordinatorin des Studiengangs Public History der Freien Universität Berlin

 

Empfehlungen unserer Interviewpartner*innen an den Nachwuchs
zusammengestellt von Sophie Genske und Rebecca Wegmann

 

Zu den Interviews 2020

 

Digitale Wissenschaftsvermittlung: Hürden und Chancen
Interview mit Ulla Menke, Wissenschaftskommunikatorin

 

Die Anfänge der Geschlechtergeschichte.
Interview von Angelika Schaser mit Adelheid von Saldern, emeritierte Professorin für Neuere Geschichte am Historischen Seminar der Leibniz Universität Hannover

 

„Traut euch!“
Ein Interview von Fynn-Morten Heckert mit Martina Winkler über Gleichstellungsprobleme und -erfolge in der Universitätslandschaft Deutschlands 

 

„Wenn man endlich einmal am System arbeitet, dann verändert sich sehr viel“
histocamp-Diskussion über die Zukunft von Frauen* in der Wissenschaft

 

„Das Wichtigste ist aber, dass man für ein Thema brennt und sich darin versenken möchte...“
Ein Gespräch mit Anke te Heesen über geradlinige Karrierewege, Zeit und Verdichtung in der Postmoderne und vom Glück, sich in ein Forschungsthema zu versenken.

 

Zu den Interviews 2021

 

Geschlechterpolitik in Zeiten von Corona

Ergebnisse einer Umfrage unter den Frauen- und Gleichstellungsakteur*innen der außeruniversitären Forschungsorganisationen und Hochschulen (Reprint)

 

Die gesamte wissenschaftliche Praxis muss sich ändern
Janine Funke interviewt die Herausgeberinnen der Publikation: Mutterschaft und Wissenschaft. Die (Un-)Vereinbarkeit von traditionellem Mutterbild und wissenschaftlicher Tätigkeit

 

„Geschichte ist nicht nur dröge Männersache mit Zahlen“
Interview mit den Podcasterinnen Jasmin Lörchner und Bianca Walther

 

„Zwischen Arbeitslosigkeit und der Leitung eines Zwei-Millionen-Euro-EU-Projekts“
Interview mit der Kulturwissenschaftlerin Ljiljana Radonić

 

Im Schnitt verdient eine W3-Professorin 720 Euro weniger als ihr männlicher Kollege...
Ein Interview mit der Bremer Professorin Susanne Schattenberg

 

Wissenschaft ist Dialog
Interview mit Heike Wieters, Juniorprofessorin für Historische Europaforschung

 

 

* Wir sprechen von Frauen und Männern als jeweils weiblich oder männlich gelesenen Menschen